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	<description>Marlene Halser bloggt über Menschen in Israel und Palästina</description>
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		<title>&#8220;Scheitern ist bei uns erlaubt&#8221;</title>
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		<pubDate>Fri, 18 Mar 2011 11:15:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Marlene</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Was treibt Betriebe, den Jugendlichen eine Chance zu geben, die sonst keiner haben will?
Für Robert Wagner ist die weite Welt da draußen ein Stück näher gerückt.  Täglich verpackt und verschickt der 19-Jährige Klettergurte,  Campingkocher und Biwakschlafsäcke. Er ist Auszubildender beim Hamburger  Outdoor-Ausstatter Globetrotter. Jetzt hat ihn seine Firma für ein  Austauschprogramm [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Was treibt Betriebe, den Jugendlichen eine Chance zu geben, die sonst keiner haben will?</p>
<p>Für Robert Wagner ist die weite Welt da draußen ein Stück näher gerückt.  Täglich verpackt und verschickt der 19-Jährige Klettergurte,  Campingkocher und Biwakschlafsäcke. Er ist Auszubildender beim Hamburger  Outdoor-Ausstatter Globetrotter. Jetzt hat ihn seine Firma für ein  Austauschprogramm vorgeschlagen, bei dem er ein Unternehmen in der  spanischen Stadt Valencia kennenlernen soll. »Robert hat sich das  verdient«, sagt sein Ausbilder Jawid Sultany. »Seine Noten in der Schule  sind gut, seine Fehlzeiten gering, und im Betrieb bringt er seine Ideen  ein.« Dass dem aufgeschlossenen jungen Mann einst niemand einen  Ausbildungsplatz geben wollte, erscheint kaum mehr vorstellbar.</p>
<p><span id="more-727"></span></p>
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<p>Robert Wagner gehört zu den rund 15 Prozent der deutschen Schulabgänger, die die Hauptschule mit schlechten Noten oder ganz ohne Abschluss verlassen und sich damit nach Ansicht vieler  Betriebe nicht für eine Berufsausbildung qualifiziert haben. Mehr als  eine Million junger Menschen unter 30 Jahren haben in Deutschland keine  abgeschlossene Berufsausbildung, bilanziert die Bundesagentur für  Arbeit. Trotz oft jahrelanger Bemühungen um einen Ausbildungsplatz  bleibt vielen Jugendlichen nur der Broterwerb als ungelernte Kraft – an  der Supermarktkasse zum Beispiel, auf dem Bau, bei einer Reinigungsfirma  – oder ein Leben von Hartz IV.</p>
<p>Schaut man genauer hin, wird schnell klar: Das frühe Scheitern ist in vielen Fällen nicht selbst verschuldet.  Viele Jugendliche, die keinen Ausbildungsplatz finden, sind ohne Bücher  und Theaterbesuche aufgewachsen. Familiäre Probleme,  Migrationshintergrund und unvorhersehbare Schicksalsschläge potenzieren  das Risiko, beruflich gleich nach der Schule auf der Strecke zu bleiben.  Oft muss dazu nicht viel passieren: Da ist die 15-Jährige, die  ungewollt schwanger wird und dann für drei Jahre zu Hause bleibt, um ihr  Kind zu versorgen. Die Auszubildende, die nach einigen Monaten merkt,  dass der Job als Rechtsanwaltsgehilfin doch nicht das Richtige für sie  war – und die Lehre abbricht. Der Junge mit der Lernschwäche, der aus  Angst vor dem Versagen die Berufsschule schwänzt und dem deshalb  gekündigt wird. Sie alle werden bei vielen Betrieben schon von  vornherein aussortiert.</p>
<p>Auch Robert Wagner bewarb sich lange vergeblich. Rund 180 Bewerbungen  verschickte er. Tischler wollte er werden, so wie sein Großvater,  Lackierer oder Lagerist. Doch er bekam nur Absagen. Seine Noten seien zu  schlecht gewesen, vermutet er. Vor allem in Mathe haperte es, auch in  Chemie, Biologie und Deutsch war er nicht so gut. »Wenn ich dann mal zum  Vorstellungsgespräch eingeladen wurde, war ich der einzige Hauptschüler  unter lauter Abiturienten«, erinnert er sich. Eine Stelle bekam er nie.  Nutzlos sei er sich vorgekommen, eine Zeit lang habe er deshalb am  liebsten gar nichts mehr machen wollen, sagt er. Fast hätte er  aufgegeben.</p>
<p>Dann empfahl man ihm, zu Globetrotter zu gehen. Motivation und  Leistung zählen hier schon seit über dreißig Jahren mehr als gute Noten  oder ein Schulabschluss. Zwei leidenschaftliche Weltenbummler haben das  Unternehmen gegründet – sie waren offen gegenüber Lebensläufen, die  nicht geradlinig verliefen. »Scheitern ist bei uns erlaubt«, sagt die  Personalchefin Katrin Benson. »Das lernt man, wenn man versucht, Berge  zu bezwingen und schwierige Projekte umzusetzen.«</p>
<p><strong>Im ersten Jahr gibt es nur ein Taschengeld</strong></p>
<p>Wer sich bei Globetrotter für einen der fünfzehn angebotenen  Ausbildungsberufe bewirbt, muss zuerst ein Praktikum absolvieren.  Zwischen zwei Wochen und einem Jahr ist alles drin. Zum Teil nutzt das  Unternehmen dabei Förderangebote der Bundesagentur für Arbeit. Robert  Wagner begann nach einem zweiwöchigen Praktikum ein sogenanntes  Einstiegsqualifizierungsjahr. Eine Maßnahme aus dem Ausbildungspakt, den  die Bundesregierung mit den Spitzenverbänden der Wirtschaft schloss, um  benachteiligten Jugendlichen zu einem Ausbildungsplatz zu verhelfen.  Das Risiko für das Unternehmen ist bei dieser Maßnahme gering: Während  des Jahrespraktikums übernimmt die Bundesagentur für Arbeit die Kosten  für die Sozialversicherungsbeiträge der Jugendlichen und zahlt den  Praktikanten zusätzlich zur Grundsicherung ein monatliches Taschengeld.  Danach kann der Betrieb entscheiden, ob der Praktikant eine Ausbildung  beginnen darf. Bei Globetrotter schaffen viele Jugendliche so den  Einstieg, die anderswo gar keine Chance bekommen hätten. »Wer während  des Praktikums positiv auffällt und sich engagiert, bekommt eine  Lehrstelle«, erklärt Katrin Benson – ganz egal, was vorher war.</p>
<p>Auch bei der Telekom hat ein Umdenken in diese Richtung eingesetzt.  Thomas Sattelberger, der Personalvorstand der Deutschen Telekom, erzählt  dazu gern eine Geschichte. Ein Ausbilder aus dem Süden Deutschlands  habe ihm einen jungen Mann mit Lese- und Rechtschreibschwäche empfohlen.  »Den hätten wir nie und nimmer entdeckt, weil er in bestimmten formalen  Feldern unseren Ansprüchen nicht genügt hätte«, sagt Sattelberger.  »Heute gehört der junge Mann zu den besten IT-Spezialisten seiner  Gruppe.« Will heißen: »Talent ist oft da, wo man es nicht vermutet.«  Seit September 2009 gibt die Telekom jährlich etwas mehr als 60  Jugendlichen eine Chance, die unter normalen Umständen durchs  Einstellungsraster gefallen wären. Auch sie müssen sich zunächst, wie  Robert Wagner bei Globetrotter, in einem von der Arbeitsagentur  geförderten Einstiegsqualifizierungsjahr bewähren. Der Erfolg übertrifft  die Erwartungen: Von 61 jungen Menschen, die ihr Qualifizierungsjahr im  September 2009 bei der Telekom begannen, bekamen 50 anschließend einen  Ausbildungsplatz. 42 davon konnten gleich übergangslos ins zweite  Ausbildungsjahr wechseln.</p>
<p>Weil sich lange Zeit zu viele Jugendliche auf zu wenige Lehrstellen  bewarben, konnten sich die Betriebe die Bewerber mit dem höchsten  Abschluss und den besten Zensuren herauspicken. Doch die Situation auf  dem Arbeitsmarkt beginnt sich zu wandeln. Seit Jahren bringen die  Deutschen immer weniger Kinder zur Welt, damit sinkt auch die Zahl der  Schulabgänger. Bereits jetzt warnen die Bundesagentur für Arbeit und  viele Unternehmen vor einem Engpass an Bewerbern. Die Betriebe fürchten,  in einigen Jahren nicht mehr alle Lehrstellen mit qualifizierten  Lehrlingen besetzen zu können. Deshalb rücken nun jene Jugendlichen in den Blick,  für die sich bislang ausschließlich Arbeitsagenturen und Sozialverbände  interessierten. Sattelberger macht aus seinem ökonomischen Kalkül kein  Hehl. »Auch wenn uns dieses Thema sozial sehr beschäftigt«, sagt er,  »sind wir kühle Betriebswirte, die genau sehen, was sich auf dem  Talentmarkt tut.</p>
<p>Als soziales Projekt engagiert sich hingegen das Restaurant Roecklplatz  in München. Zwei Szene-Gastronomen hoben es vor drei Jahren gemeinsam  mit dem Kinder- und Jugendhilfeverein hpkj aus der Taufe, um  Jugendlichen ohne Chance zu einer abgeschlossenen Berufsausbildung zu  verhelfen; die Stellen sind von kommunalen Trägern, dem Jugendamt und  dem Europäischen Sozialfonds subventioniert. Über die Hälfte der zwölf  Azubis kommt aus sogenannten Problemfamilien und verbrachte einige Zeit  in Betreuungseinrichtungen.</p>
<p><strong>Pünktlich zu sein, müssen manche Jugendliche erst mühsam lernen</strong></p>
<p>Viel Mühe und Geduld seien hier nötig, um ein Vertrauensverhältnis  aufzubauen, erzählt die Service-Ausbilderin Kitty Strennberger. Viele  der Jugendlichen brächten ihre privaten Probleme mit an den  Arbeitsplatz. »Für einen Jugendlichen aus einer Hartz-IV-Familie, in der  morgens niemand außer ihm aufsteht, ist es sehr schwer, jeden Tag  pünktlich zur Arbeit oder in der Schule zu erscheinen«, sagt  Strennberger. Immer wieder schwänzten zu Beginn einige Azubis die  Berufsschule, und auch zur Arbeit kamen manche mehrere Male nicht. Doch  statt wie in anderen Betrieben ausschließlich Abmahnungen zu erteilen  und mit der Kündigung zu drohen, suchen die Ausbilder immer wieder das  Gespräch mit der Gruppe. »Am Schluss haben die Azubis selbst  entschieden, dass Schulschwänzern das Trinkgeld gekürzt wird«, sagt  Strennberger. Seitdem kämen solche Zwischenfälle kaum noch vor. Neben  angemessenen Sanktionen setzt man im Ausbildungsrestaurant auf  Motivation und Verständnis. »Wir wollen den Azubis eine Welt  erschließen, zu der sie bislang keinen Zugang hatten«, sagt  hpkj-Geschäftsführerin Angela Bauer, die für ihre Arbeit mit dem  Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde. »Viele unserer Auszubildenden  waren noch nie im Urlaub oder im Theater«, sagt sie. Deshalb stehen  neben Lerntagen und Einzelgesprächen mit der Sozialpädagogin auch  gemeinsame Ausflüge und Theaterbesuche auf dem Programm. Von den anfangs  zwölf Azubis haben es mittlerweile zehn ins dritte Lehrjahr geschafft.  Im Frühjahr machen die ersten beiden Lehrlinge ihre Abschlussprüfung.  »Auch diese Jugendlichen haben Potenzial«, sagt Bauer, »man muss es nur  zu steuern wissen.«</p>
<p>Bei Globetrotter in Hamburg hat man diese Erkenntnis längst  verinnerlicht. Robert Wagners Ausbilder Jawid Sultany ist einer von  vielen vermeintlich schwierigen Fällen, die es in der Firma in eine  leitende Position geschafft haben. Als Flüchtling kam der damals  17-Jährige ohne Eltern von Afghanistan nach Deutschland. Die Realschule  verließ er ohne Abschluss. Über ein Praktikum landete er bei  Globetrotter.</p>
<p>Wie Robert Wagner machte auch er eine Ausbildung zum Lageristen.  Heute stellt der zierliche junge Mann mit der sanften Stimme selbst  Azubis ein und betreut sie während der Lehre. Von Auswahlverfahren  anhand von schulischen Leistungen hält er nichts. »Wenn ich einen  Bewerber am Empfang abhole, biete ich ihm als Erstes das Du an und gehe  mit ihm in der Kantine einen Kaffee trinken«, sagt Sultany. »Danach  versuche ich im Gespräch herauszufinden, was der Bewerber wirklich will  und welche Lösung am besten für ihn ist.« Bei Bedarf bietet das  Unternehmen Praktikanten und Azubis, die sich in der Berufsschule  schwertun, firmeninternen Förderunterricht an.</p>
<p>Robert Wagner nimmt dieses Angebot gern wahr. Vor allem in Englisch  will er fit sein, wenn das Austauschprogramm beginnt. »Wenn die  internationalen Lieferanten kommen, muss ich wissen, dass Frachtbrief  auf Englisch       <em>delivery note</em> heißt«, erklärt er. Schließlich will er auch im Ausland zeigen, was in ihm steckt.</p>
<p><a href="http://www.zeit.de/2011/11/C-Talentsucher?page=1">Die Zeit, Ressort Chancen, 10. März 2011</a></p>
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		<title>Drei Jahre Musterehe</title>
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		<pubDate>Fri, 11 Feb 2011 15:51:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Marlene</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Eine Scheinehe – so definiert es die Ausländerbehörde – ist eine Ehe,  die geschlossen wird, um einem Menschen aus einem Land, das nicht in der  EU liegt, den legalen Aufenthalt in Deutschland zu ermöglichen. Aber  führen nicht auch viele deutsche Paare, die schon über Jahre zusammen  sind, eigentlich eine Scheinehe? Theaterregisseurin [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_707" class="wp-caption aligncenter" style="width: 458px"><img class="size-full wp-image-707" title="Musterehe" src="http://www.mischwaldserver.de/randbemerkerin/wp-content/uploads/2011/02/Musterehe.jpg" alt="Musterehe oder Scheinehe? Auch viele deutsch-deutsche Ehen bestehen nur (noch) auf dem Papier. Foto: Andrea Huber" width="448" height="298" /><p class="wp-caption-text">Musterehe oder Scheinehe? Auch viele deutsch-deutsche Ehen bestehen nur (noch) auf dem Papier. Foto: Andrea Huber</p></div>
<p>Eine Scheinehe – so definiert es die Ausländerbehörde – ist eine Ehe,  die geschlossen wird, um einem Menschen aus einem Land, das nicht in der  EU liegt, den legalen Aufenthalt in Deutschland zu ermöglichen. Aber  führen nicht auch viele deutsche Paare, die schon über Jahre zusammen  sind, eigentlich eine Scheinehe? Theaterregisseurin Christina Umpfenbach  hat sich in ihrem neuen Stück &#8220;Drei Jahre Musterehe&#8221; mit dieser Frage  auseinander gesetzt. In einer Musterhaussiedlung in Poing bei München  hat sie ein Hör-Theaterstück inszeniert, für das sie zahlreiche Paare  zum Thema Ehe und Heirat befragt hat – sowohl deutsch-deutsche Ehepaare,  als auch binationale Paare. Die Interviews hat sie anschließend von  Schauspielern nachsprechen lassen.</p>
<p><span>Das Stück beginnt schon auf der Fahrt nach Poing. Wer sich das  Stück ansehen will, muss zu einem vereinbarten Treffpunkt am Ostbahnhof  kommen. Dort wartet ein Bus, der die Zuschauer zur Musterhaussiedlung  bringt. </span></p>
<p><span>Eine Audio-Collage, die am 26. Januar 2010 im <a href="http://www.br-online.de/bayern2/zuendfunk/zuendfunk-kultur-thema-musterehe-ID1296059354386.xml">Zündfunk (Bayern 2)</a> lief:</span></p>
<p><span><br />
</span></p>
<p><span><a href="http://www.mischwaldserver.de/randbemerkerin/wp-content/uploads/2011/02/zuendfunk_musterehe.mp3">Zündfunkbeitrag 3 Jahre Musterehe</a></span></p>
<p><span><br />
</span></p>
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		<title>Ohne Mampf kein Kampf</title>
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		<pubDate>Sat, 13 Nov 2010 20:52:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Marlene</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Texte]]></category>
		<category><![CDATA[Castor-Transport]]></category>
		<category><![CDATA[Demonstration]]></category>
		<category><![CDATA[Deutschland]]></category>
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		<description><![CDATA[Gut 50.000  Demonstranten werden zum Castorprotest im Wendland erwartet &#8211; ziemlich  viele hungrige Mägen. Doch die Protestküchen sind gut vorbereitet.
 
Kartoffelpüree  mit gebackenem Fenchel und Salat ist Wam Kats &#8220;Wendland Spezial&#8221;. &#8220;Wenn  du das gegessen hast&#8221;, sagt der Protestkoch, &#8220;dann bist du so satt,  dass du nie wieder aufstehen willst.&#8221; [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="hauptspalte">Gut 50.000  Demonstranten werden zum Castorprotest im Wendland erwartet &#8211; ziemlich  viele hungrige Mägen. Doch die Protestküchen sind gut vorbereitet.</span></p>
<p><span> </span></p>
<div id="attachment_688" class="wp-caption aligncenter" style="width: 458px"><img class="size-full wp-image-688" title="Schwerter zu Kochlöffeln: Prostestkoch Wam Kat (rechts) und sein Mitstreiter Rijn im Camp X-tausend-mal-quer im Wendland – bevor das große Kochen anfing Foto: Timo Vogt / randbild" src="http://www.mischwaldserver.de/randbemerkerin/wp-content/uploads/2010/11/L1.jpg" alt="Schwerter zu Kochlöffeln: Prostestkoch Wam Kat (rechts) und sein Mitstreiter Rijn im Camp X-tausend-mal-quer im Wendland – bevor das große Kochen anfing Foto: Timo Vogt / randbild" width="448" height="294" /><p class="wp-caption-text">Schwerter zu Kochlöffeln: Prostestkoch Wam Kat (rechts) und sein Mitstreiter Rijn im Camp X-tausend-mal-quer im Wendland – bevor das große Kochen anfing Foto: Timo Vogt / randbild</p></div>
<p><span id="hauptspalte">Kartoffelpüree  mit gebackenem Fenchel und Salat ist Wam Kats &#8220;Wendland Spezial&#8221;. &#8220;Wenn  du das gegessen hast&#8221;, sagt der Protestkoch, &#8220;dann bist du so satt,  dass du nie wieder aufstehen willst.&#8221; Der Holländer kocht für das  Kollektiv Rampenplan im X-tausendmal-quer-Camp in Gedelitz, wenige  Kilometer vom Zwischenlager für hochradioaktiven Atommüll entfernt. Dort  also, wo vor allem die Sitzblockierer übernachten werden. Seine  Gerichte sollen die Demonstranten lang anhaltend sättigen, sie sollen  lange durchhalten können.</span></p>
<p><span id="more-687"></span></p>
<p>Insgesamt gibt es zehn große Volksküchen  beim diesjährigen Castorprotest in den verschiedenen Camps im Landkreis  Lüchow-Dannenberg. Einige Köche sind extra aus dem Ausland angereist.  Frühstück, Mittag- und Abendessen sind geplant &#8211; in den Campküchen  streng vegan. Dazu rund um die Uhr warme Getränke und nachts eine Suppe.  Sie alle geben die Speisen auf Spendenbasis aus. Profit wird bei der  Versorgung der Castorgegner nicht gemacht.</p>
<p><span id="hauptspalte">Auch die Anwohner versorgen die Demonstranten. Manche sind mit  der Gulaschkanone unterwegs, andere reichen mal ein Blech mit  selbstgebackenem Kuchen herum. Seit 2001 haben Gabi Winiatowski, 54, und  Manuela Brownlee, 34, von der Volksküche Wendland die Organisation des  Protestessens zum Castortransport übernommen.</span></p>
<p>&#8220;Die Selbstorganisation hat irgendwann  dazu geführt, dass an einem Ort alle ganz dolle satt waren und an einem  anderen alle froren und Hunger hatten&#8221;, erklärt Brownlee. Seither sind  alle Küchen dazu angehalten, sich im Vorfeld bei den beiden Frauen  anzumelden.</p>
<p>Im Gegenzug sammeln Winiatowsky und  Brownlee Spenden von Biobauern und Bioläden ein, die sie vor und während  des Protestes an die Volksküchen verteilen. Lkw &#8220;Karlchen&#8221; fährt seit  Tagen durchs Wendland, die Bauern stapeln Möhren, Kartoffeln, Rüben,  Kürbisse und Kohl auf den Wagen.</p>
<p><span id="hauptspalte">Die meisten Lebensmittel stammen aus biologischem Anbau. &#8220;Wir  nehmen aber auch konventionelle Spenden an&#8221;, sagt Winiatowski. So viel  Unterstützung wie in diesem Jahr gab es noch nie. &#8220;Wir haben zwei  Scheunen voller Lebensmittel&#8221;, sagt Brownlee. &#8220;Wo wir sonst über Kisten  und Kartons sprachen, reden wir jetzt über Paletten.&#8221;</span></p>
<p>An den milden Gaben der Bauern hat  offenbar auch die Entscheidung der Bundesregierung für die  Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke und das Auslaufen des  Moratoriums für die Erkundung des Gorlebener Salzstocks als  Atommüllendlager einen Anteil. Bei dem geplanten Andrang an  Demonstranten ist das auch bitter nötig. Rund 2.000 Brotlaibe haben die  Castorgegner in den letzten Jahren verputzt. In diesem Jahr rechnen die  Organisatorinnen mindestens mit der doppelten Menge. Rund 20 Prozent der  Lebensmittel kaufen die beiden vom Erlös der Spendengelder zu.</p>
<p>Während des gesamten Wochenendes und so  lange, wie es den Demonstranten gelingt, die Castoren aufzuhalten, sind  die beiden Frauen damit beschäftigt, Lebensmittel je nach Bedarf von  einem Lager ins andere zu fahren. Wenn etwas ausgeht, müssen sie  improvisieren. Zur Not mithilfe einer Radiodurchsage über den  Protestsender Radio Freies Wendland.</p>
<p>&#8220;Vor ein paar Jahren habe ich so um  Süßigkeitenspenden für die Leute in der Sitzblockade gebeten&#8221;, erinnert  sich Gabi Winiatowski. &#8220;Keine halbe Stunde später kamen die Menschen mit  tütenweise Schokolade und Keksen an.&#8221; Die restlichen Mitglieder der  Volksküche Wendland betreiben die Versorgungsstation auf der Esso-Wiese  in Dannenberg, dort also, wo die Castorbehälter mit dem Verladekran von  den Schienen auf Lastwagen gehoben werden sollen und am Samstag um 13  Uhr die große Demo beginnt.</p>
<p>Auf einer alten Traktorfelge und einem  durchgesägten Fass mit nachträglich anmontiertem Ofenrohr wird dort über  Holzkohlen gekocht. Im Gegensatz zu den Camps ist das Essen hier nicht  vegan, sondern bloß vegetarisch. &#8220;Wenn uns jemand Leberwurst spendet,  dann stellen wir die auch auf den Tisch&#8221;, sagt Winiatowski. &#8220;Schließlich  sind die Bauern froh, wenn sie sich mal Brötchen schmieren können.&#8221; Die  Wurst steht jedoch deutlich gekennzeichnet auf einem extra Tisch.</p>
<p>&#8220;Früher war unser Motto: Hauptsache,  satt&#8221;, sagt Brownlee, &#8220;denn wer satt ist, verliert nicht so leicht die  Nerven.&#8221; Mittlerweile hat die Volksküche Wendland einen ausgebildeten  Koch im Team, und mit ihm ist auch der Anspruch an die Gerichte  gestiegen. &#8220;Früher gab es bei den Protesten oft tagelang nur Kohl- oder  Kartoffelsuppe&#8221;, sagt Brownlee. &#8220;Das ist schon lange nicht mehr so.&#8221;</p>
<p>Heute zaubern die Protestköche neben den  bewährten Eintöpfen Nudel- und Gemüsepfannen, Rosmarienkartoffeln und  Süßspeisen. &#8220;Himmel und Hölle, also Kartoffeln mit Apfelmus, kommt immer  besonders gut an&#8221;, sagt Brownlee. &#8220;Das ist süß und gibt Energie und  macht wohlig warm im Magen.&#8221; Auch Salat gibt es mittlerweile fast zu  jedem Gericht. &#8220;Außer für die Leute, die stundenlang eingekesselt da  sitzen&#8221;, sagt Brownlee. &#8220;Die brauchen schnell einen sättigenden Eintopf  mit wärmenden Gewürzen wie Ingwer und Curry.&#8221;</p>
<p>Auch Wam Kat setzt auf Ingwer und  Knoblauch in seinen Speisen. &#8220;Damit die Leute bei dem Wetter keine  Grippe kriegen&#8221;, wie er sagt. Was genau er an den einzelnen Tagen kocht,  ob Gemüsecurry, Tomatensuppe, oder Couscous mit Gemüse, entscheidet er  spontan. Morgens schauen er und sein Team sich an, was sie haben &#8211; und  lassen sich dann inspirieren.</p>
<p><span id="hauptspalte">Seit 29 Jahren kocht Wam Kat auf allen möglichen  Demonstrationen. Aber  der Protest im Wendland gehört zu seinen  Lieblingsveranstaltu ngen.</span><span id="hauptspalte">&#8220;Hoffen  wir, dass der Protest in diesem Jahr zu unserer größten Veranstaltung  wird&#8221;, sagt er. &#8220;Alles ab 3.000 Leute am Tag im Camp fände ich okay.&#8221; </span></p>
<p><span><a href="http://www.taz.de/1/zukunft/schwerpunkt-anti-akw/artikel/1/ohne-mampf-kein-kampf/">(taz, 05. November 2010)</a><br />
</span></p>
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		<title>Die Endlagerfreunde von Gorleben</title>
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		<pubDate>Sat, 13 Nov 2010 20:41:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Marlene</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Mehr als  50.000 wollen gegen den Castor-Transport demonstrieren. Doch im Wendland  sind längst nicht alle gegen das geplante Endlager für Atommüll.
 
Gestritten  wird im Wendland schon lange nicht mehr. &#8220;Im Gegenteil&#8221;, sagt Uwe  Leitner. &#8220;Man sagt sich freundlich Guten Tag.&#8221; Zu Beginn, Ende der  1970er Jahre, war das noch anders. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="hauptspalte">Mehr als  50.000 wollen gegen den Castor-Transport demonstrieren. Doch im Wendland  sind längst nicht alle gegen das geplante Endlager für Atommüll.</span></p>
<p style="text-align: center;"><span> </span></p>
<div id="attachment_682" class="wp-caption aligncenter" style="width: 458px"><img class="size-full wp-image-682  " title="Uwe Leitner ist Atomkraftbefürworter der ersten Stunde Foto: Timo Vogt" src="http://www.mischwaldserver.de/randbemerkerin/wp-content/uploads/2010/11/L.jpg" alt="Uwe Leitner ist Atomkraftbefürworter der ersten Stunde Foto: Timo Vogt" width="448" height="299" /><p class="wp-caption-text">Uwe Leitner ist Atomkraftbefürworter der ersten Stunde. &quot;Alles ganz harmlos&quot;, sagt er. Foto: Timo Vogt / randbild</p></div>
<p><span id="hauptspalte">Gestritten  wird im Wendland schon lange nicht mehr. &#8220;Im Gegenteil&#8221;, sagt Uwe  Leitner. &#8220;Man sagt sich freundlich Guten Tag.&#8221; Zu Beginn, Ende der  1970er Jahre, war das noch anders. Als Niedersachsens Ministerpräsident  Ernst Albrecht Gorleben als Standort eines nuklearen Entsorgungszentrums  bestimmte, kam es zwischen Gegnern und Befürwortern auch zu  Handgreiflichkeiten. Der Streit über die Atomkraft spaltete Familien,  und Ehen gingen darüber zu Bruch. Uwe Leitner gehörte schon damals zu  den Befürwortern.</span></p>
<p><span id="more-681"></span></p>
<p>&#8220;Wir haben Flugblätter am Marktplatz  verteilt&#8221;, erinnert er sich. &#8220;Genau wie die Gegner.&#8221; Heute hat sich  dieser Streit gelegt. Dass er nichts gegen Atomkraft einzuwenden habe,  das wisse im Landkreis jeder, sagt der 55-Jährige mit dem Schnauzbart  und schaut mit schräg gelegtem Kopf über den Brillenrand. &#8220;Alles ganz  harmlos&#8221;, soll dieser Blick bedeuten.</p>
<p><span id="hauptspalte">Die Fronten seien seit Jahren klar. &#8220;Jeder weiß hier im Wendland, wo  der andere steht.&#8221; Zu überzeugen versuche man sich schon lange nicht  mehr. Dass die Atomkraftgegner seit drei Jahrzehnten unermüdlich den  Aufstand proben, hat für Leitner einen ganz einfachen Grund: &#8220;Die  meisten sind uninformiert.&#8221; Ihre Angst sei unbegründet, sagt er. Er  müsse es wissen. Schließlich sei er als Bergmann in Gorleben  eingefahren.</span></p>
<p>&#8220;Am 14. März 1979 um 4.30 Uhr haben wir  damals begonnen&#8221;, erinnert er sich. Leitner, der zuvor als  Personenschützer für das Bundeskriminalamt (BKA) gearbeitet hatte,  sollte zunächst im Zwischenlager für Sicherheit sorgen. &#8220;Ich hatte mich  dafür interessiert, weil ich so wieder nach Hause kommen konnte&#8221;,  erklärt er. Zuvor war er ständig mit Politikern in Deutschland  unterwegs, jetzt war seine neue Arbeitsstelle nur knapp 20 Kilometer von  seinem Heimatort Lüchow entfernt. 1982 wechselte er vom Zwischenlager  in das nur 500 Meter entfernte Erkundungsbergwerk.</p>
<p>Im Auftrag des Bundesamts für Strahlenschutz  wird dort seit Ende der 1970er Jahre erforscht, ob der Gorlebener  Salzstock als Endlager für hochradioaktiven Atommüll geeignet ist. Ein  von der rot-grünen Bundesregierung verabschiedetes Moratorium setzte die  Erkundung im Jahr 2000 aus und damit auch Uwe Leitners Job. Drei Jahre  war er danach noch als Bergmann im Endlager Morsleben in Sachsen-Anhalt  beschäftigt, dann bekam er einen Herzinfarkt und ging in Frührente.</p>
<p>Natürlich, gibt er zu, gebe es Gefahren und  Risiken im Umgang mit radioaktiven Stoffen. Doch mit denen könne man  kontrolliert und sicher umgehen. Statt der Gefahren sieht Leitner die  Vorteile, die ein solches Endlager mit sich bringen könnte. Ihm geht es  um den Standort Wendland und darum, dass seine Gemeinde gut dasteht.</p>
<p>Leitner ist der Inbegriff des engagierten  Bürgers: Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr, im Vorstand der CDU von  Lüchow-Dannenberg. Morgens fährt er ab und zu mit dem Fahrrad durch die  Stadt und übermalt im Namen eines Vereins graffitibeschmierte  Stromkästen am Straßenrand mit grauer Farbe. &#8220;Wir brauchen Arbeitsplätze  und Infrastruktur&#8221;, sagt Leitner. Doch die ewige Neinsagermentalität  der Umweltschützer lasse das nicht zu.</p>
<p>24 Kilometer nordöstlich von Lüchow bemüht  Hans-Udo Maury ganz ähnliche Argumente. Maury ist ehrenamtlicher  Bürgermeister von Gartow und hat mit seinem Bestattungsunternehmen und  der Tischlerei den größten Betrieb in dem knapp 1.400 Einwohner  zählenden Ort. Die gelben Kreuze vor den roten Klinkerhäusern, das  Symbol der Anti-Atom-Bewegung im Wendland, sind auf dem Weg nach Gartow  immer spärlicher geworden.</p>
<p>Das Zwischenlager, in das am kommenden  Wochenende die Castorbehälter gebracht werden sollen, und das  Erkundungsbergwerk liegen nur wenige Kilometer von den Gemeinden Gartow  und Gorleben entfernt. Trotzdem stellen hier seit Jahrzehnten die  konservativen Parteien, die sich für das Endlager aussprechen, die  Mehrheit. Mit den sogenannten Gorlebengeldern in Millionenhöhe, die der  Bund seit der Standortfestlegung an die Gemeinden zahlt, seien diese  Stimmen erkauft, sagen die Kritiker.</p>
<p>Und auch Einzelinvestitionen, wie in die  Wendland-Therme Gartow, die von der Betreiberfirma des Zwischenlagers  finanziert wurde, sicherten die Zustimmung. Maury macht keinen Hehl  daraus, dass seine Gemeinde finanziell von den nahen Atomanlagen  profitiert. Lediglich ein paar weniger Gartower und Gorlebener gingen  deshalb am Wochenende zum Protest, sagt er. Auch er klagt über die  schwache Infrastruktur der landwirtschaftlich geprägten Region.</p>
<p>&#8220;Von der Verkehrsanbindung her sind wir  hier immer noch am Ende der Welt&#8221;, sagt Maury. Schuld sei die Nähe zur  ehemaligen DDR. Das Wendland ist der östlichste Landstrich  Niedersachsens. Bis zur Wende bildete die Elbe ein überwindbares  Hindernis, denn auf der anderen Seite liegen Mecklenburg-Vorpommern,  Brandenburg und Sachsen-Anhalt. Hier Autobahnen zu bauen lohnte nicht,  denn wer hätte bis 1998 schon von Hamburg oder Hannover aus weiter  ostwärts fahren wollen?</p>
<p>Darüber hinaus ist Lüchow-Dannenberg der mit  knapp 50.000 Einwohnern am dünnsten besiedelte Landkreis Deutschlands.  Die Arbeitslosenquote liegt hier zwischen 11 und 12 Prozent. Landflucht  und Überalterung sind die Folge. Arbeitgeber wie die Brennelemente  Gorleben GmbH, die das Zwischenlager für die Castorbehälter betreibt,  und die Deutsche Gesellschaft zum Bau und Betrieb von Endlagern für  Abfallstoffe, die das Erkundungsbergwerk (DBE) auch während des  Moratoriums aufrechterhält, sieht Maury in erster Linie als willkommene  Arbeitgeber.</p>
<p>Rund 600 Arbeitsplätze brachten die  Atomanlagen bei Gorleben zu Spitzenzeiten. &#8220;Und wenn die Menschen Arbeit  haben, sind sie zufrieden und fragen auch nicht nach&#8221;, sagt Maury. Noch  heute sind rund 90 Arbeiter im Erkundungsbergwerk angestellt.</p>
<p>Einer von ihnen ist im Hinterzimmer eines  kleinen Geschäfts an der beschaulichen Hauptstraße von Gartow zu einem  Gespräch bereit. Seinen Namen möchte er lieber nicht nennen: &#8220;Ich will  nicht, dass die Leute nachher mit dem Finger auf mich zeigen.&#8221; Seit 1986  arbeite er im Erkundungsbergwerk. Auch sein Sohn mache dort gerade eine  Ausbildung zum Mechatroniker. Beworben habe er sich damals, ebenso wie  Uwe Leitner, weil die Stelle so nah war. &#8220;Bei einem anderen Job hätte  ich in ganz Deutschland auf Montage gehen müssen.&#8221; Außerdem ist die  Arbeit im Bergwerk für den Landkreis verhältnismäßig gut bezahlt.</p>
<p>Während er spricht, bleibt ein Mann im  Verkaufsraum stehen, blättert scheints vertieft in einer Broschüre.  &#8220;Denken Sie daran, dass auch ein Spitzel zuhören könnte&#8221;, ruft er beim  Gehen und meint dabei sich selbst. &#8220;Ach das ist mir egal&#8221;, sagt der  Bergmann mit trotzig vor der Brust verschränkten Armen. Trotzdem hält er  danach im Sprechen inne, wenn ein Kunde den Laden betritt. Was er  befürchtet? &#8220;Ach, ich weiß nicht&#8221;, sagt er achselzuckend. &#8220;Dass ich  vielleicht blöde angemacht werde.&#8221;</p>
<p>Manche seiner Kollegen stellten sich sogar  ein gelbes X in den Garten, um während der Castorproteste keine Probleme  zu kriegen, behauptet er. Für ihn dagegen komme das nicht infrage. &#8220;Zu  dem Haufen möchte ich nicht gehören.&#8221; Der Haufen, das sind die  Demonstranten, die nur wegen des Protests ins Wendland kämen, aber auch  die Atomkraftgegner aus dem Landkreis.</p>
<p>Vor allem Zugezogene seien das, wie der  Bergmann sagt, Künstler, Lehrer und Intellektuelle aus Berlin und  Hamburg, die hier in Ruhe das Wochenende genießen wollten und sich ihren  Lebensunterhalt nicht so wie er vor Ort verdienen müssten. Früher  einmal, da habe er sogar einen Sticker mit der Aufschrift &#8220;Gorleben &#8211;  Entsorgung ist Umweltschutz&#8221; auf seinem Auto kleben gehabt. Weil ihm  aber immer wieder die Antenne abgebrochen worden sei, habe er den  Aufkleber schließlich wieder entfernt.</p>
<p>Bei Uwe Leitner in Lüchow klebt der Sticker  bis heute an der Schuppentür. Ginge es nach ihm, dann würde der  Erkundungsbetrieb im Salzstock so schnell wie möglich wiederaufgenommen.  Dann wird er schwärmerisch: &#8220;Wenn das Endlager kommt, dann soll daraus  ein weltweites Forschungszentrum mit einem wissenschaftlichen Lehrstuhl  entstehen.&#8221;</p>
<p><span id="hauptspalte">Das  Wendland als Vorreiter in Sachen Atommüllendlagerung. Entwicklungsstandort Gorleben. Plötzlich wäre die industriell  vernachlässigte Region ganz vorn dabei in Deutschland. Für Uwe Leitner  würde ein Traum in Erfüllung gehen.</span></p>
<p><span><a href="http://www.taz.de/1/zukunft/schwerpunkt-anti-akw/artikel/1/die-endlagerfreunde-von-gorleben/">(taz, 04. November 2010)</a><br />
</span></p>
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		<title>Das Recht der Bulldozer</title>
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		<pubDate>Thu, 28 Oct 2010 07:11:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Marlene</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Israelische Landbehörde (ILA)]]></category>
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		<description><![CDATA[Al-Araqib  ist ein nicht anerkanntes Beduinendorf in der Negev-Wüste. Israel  beansprucht das Land für sich &#8211; und walzte den Ort ohne Erbarmen nieder.  Vom Kampf einer Minderheit. 
 
Eigentlich  könnte Abdallah Abu Mdagim einfach wegziehen. Er könnte sich ein Haus  kaufen, im nahen Ashdod an der israelischen Mittelmeerküste und mit [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="hauptspalte">Al-Araqib  ist ein nicht anerkanntes Beduinendorf in der Negev-Wüste. Israel  beansprucht das Land für sich &#8211; und walzte den Ort ohne Erbarmen nieder.  Vom Kampf einer Minderheit. </span></p>
<p><span> </span></p>
<div id="attachment_679" class="wp-caption aligncenter" style="width: 458px"><img class="size-full wp-image-679" title="Dieser Trümmerhaufen war einst Abdallah Abu Mdagims Haus - bevor die Bulldozer der Israelischen Landbehörde kamen Foto: Kobi Wolf" src="http://www.mischwaldserver.de/randbemerkerin/wp-content/uploads/2010/10/MG_5953.JPG" alt="Dieser Trümmerhaufen war einst Abdallah Abu Mdagims Haus - bevor die Bulldozer der Israelischen Landbehörde kamen Foto: Kobi Wolf" width="448" height="299" /><p class="wp-caption-text">Dieser Trümmerhaufen war einst Abdallah Abu Mdagims Haus - bevor die Bulldozer der Israelischen Landbehörde kamen Foto: Kobi Wolf</p></div>
<p>Eigentlich  könnte Abdallah Abu Mdagim einfach wegziehen. Er könnte sich ein Haus  kaufen, im nahen Ashdod an der israelischen Mittelmeerküste und mit  seiner Frau und den zehn Kindern die Wüste hinter sich lassen. Sein  schwarzer Mercedes S-Klasse steht blankgewienert im Staub neben der  dürftig zusammengezimmerten Hütte aus Holzlatten und Plastikplane. Dem  Wagen nach zu urteilen scheitert es nicht am Geld. Doch Abdallah Abu  Mdagim will sein Dorf nicht verlassen.</p>
<p>&#8220;Das ist mein Land&#8221;, sagt der 41-jährige  Beduine mit der Fliegersonnenbrille und dem buschigen Schnauzbart, der  ihm fast bis zu den Ohren reicht. Er wolle sich nicht vertreiben lassen,  egal was passiert. Der Satz klingt nach einer leeren Drohung angesichts  des großen Haufens aus Schutt und Zementbrocken, der von seinem Haus  übrig geblieben ist.</p>
<p><span id="more-670"></span></p>
<p><span id="hauptspalte">Ende Juni war die israelische Landbehörde mit 1.300 Polizisten,  Lastwagen voller freiwilliger Helfer aus der Siedlerbewegung und  Bulldozern angerückt und hatte Abu Mdagims Dorf niedergewalzt, hatte die  45 Häuser aus Zement und Blech, die einst hier standen, in Schutthaufen  verwandelt und 850 Oliven- und Eukalyptusbäume entwurzelt.</span></p>
<p>Danach war die Polizei noch viermal  wiedergekommen, um auch die Zelte zu zerstören, die die Einwohner von  al-Araqib zum Schutz gegen die Sonne errichtet hatten. Doch die  Ereignisse der letzten Wochen sind nur die Eskalation eines seit Jahren  schwelenden Streits darüber, wem das Land gehört, auf dem die insgesamt  35 Beduinenfamilien leben.</p>
<p>Al-Araqib ist eines von insgesamt 45 nicht  anerkannten Beduinendörfern in der israelischen Negev-Wüste. Bis zur  Gründung des Staates Israel waren die Beduinen die einzigen Bewohner der  Region. Unter den Briten galten 98 Prozent des Gebiets als  Beduinenland.</p>
<p>Während des Unabhängigkeitskriegs 1948 floh  ein Großteil der indigenen Bevölkerung in die Nachbarländer Ägypten,  Jordanien, ins Westjordanland und den Gazastreifen. Heute leben die  verbliebenen rund 160.000 mittlerweile sesshaft gewordenen Nachfahren  der ehemaligen Nomadenstämme in einem Dreieck, &#8220;Seyag&#8221; genannt, zwischen  Beer Sheva, Arad und Dimona im Norden des Negev.</p>
<p>Doch auch hier wollen die israelischen  Behörden die Beduinen nicht überall haben. Der Staat braucht das Land,  in erster Linie für die jüdische Bevölkerung. Der erste israelische  Ministerpräsident David Ben-Gurion sprach davon, &#8220;die Wüste zum Blühen  zu bringen&#8221;. Doch die zionistische Vision, das Heilige Land zu besiedeln  und den kargen Boden urbar zu machen, reicht bis zu den ersten  jüdischen Pionieren zurück, die Ende des 19. Jahrhunderts ins damalige  Palästina kamen.</p>
<p>Seit der Staatsgründung hat sich die  Bevölkerung des kleinen Landes im Nahen Osten verzehnfacht. Allein im  letzten Jahr kamen laut dem israelischen Zentralbüro für Statistik  14.500 neue jüdische Einwanderer nach Israel. Der Norden und das Zentrum  des Landes sind dicht besiedelt. Die einzige Möglichkeit, sich weiter  auszudehnen, liegt im Süden, in der Wüste, die mehr als die Hälfte des  Staatsgebietes ausmacht.</p>
<p>2006 beschloss die damalige Regierung unter  Ministerpräsident Ariel Scharon deshalb den Entwicklungsplan &#8220;Negev  2015&#8243;, gemäß dem die Bevölkerung in der Wüste um 70 Prozent wachsen  soll. 17 Millionen Schekel, umgerechnet etwa 3,5 Millionen Euro,  investiert die Regierung in den Zehnjahresplan, um neue Dörfer zu  gründen. Bis zum Jahr 2015 sollen insgesamt 900.000 Menschen im Negev  wohnen.</p>
<p>Gleichzeitig weigert sich die israelische  Landbehörde, das traditionelle Gewohnheitsrecht der Beduinen  anzuerkennen. Das Land sei in den 1950er Jahren als nicht kultiviertes  Staatsland konfisziert worden, heißt es. Die Beweislast vor Gericht  liegt bei den Beduinen. In den 1960er und 1970er Jahren wurden sieben  Retortenstädte wie das nahe liegende Rahat aus dem Boden gestampft.  Trostlose Orte mit schäbigen Wohnwürfeln, ohne Bürgersteige, kaum  Infrastruktur und Arbeitsplätzen. Dorthin sollen die Beduinen nach dem  Willen der israelischen Behörden ziehen.</p>
<p><strong>Wie in der Dritten Welt</strong></p>
<p>Rund  die Hälfte der ehemaligen Nomaden lebt mittlerweile in den  Trabantenstädten, die Kritiker in Anlehnung an das südafrikanische  Apartheidsystem &#8220;Townships&#8221; nennen. Sie alle gehören zu den zehn ärmsten  Gemeinden Israels. Dörfern wie al-Araqib gewährt der Staat weder  fließend Wasser noch Strom. Zufahrtsstraßen gibt es nicht, geschweige  denn Geschäfte, ein Postamt, Schulen, Müllentsorgung oder ein  Krankenhaus.</p>
<p>&#8220;Die Gesundheitsversorgung in den  Beduinendörfern ist wie in der Dritten Welt&#8221;, sagt Salah Haj Yahya,  Mediziner der Physicians for Human Rights. Die NGO hat an diesem  Nachmittag in al-Araqib ihre mobile Klinik aufgebaut. In der großen  Hütte auf dem Dorfplatz stehen verschleierte Frauen mit ihren Kindern  an, um sich von den Ärzten kostenlos untersuchen zu lassen. &#8220;Ohne  fließend Wasser und Abwassersystem sind die Hygienebedingungen sehr  schlecht&#8221;, fährt der Mediziner fort. &#8220;Viele der Kinder haben  Hautkrankheiten und leiden unter Durchfall.&#8221;</p>
<p>Hinzu komme der mentale Stress, ausgelöst  durch die wiederholte Zerstörung der Häuser. &#8220;Das Problem sind nicht die  Häuser&#8221;, sagt Mahmud Said. Der Trauma-Therapeut hat den ganzen  Vormittag mit den älteren Kindern des Dorfes verbracht. &#8220;Spielzeug,  Fotos, Schulhefte&#8221;, zählt der Psychologe auf, &#8220;das alles haben die  Bulldozer mitsamt den Häusern zerstört.&#8221;</p>
<p>Doch die israelische Landbehörde sieht sich im  Recht. &#8220;Der Stamm ist 1998 zum ersten Mal illegal in das Gebiet  eingedrungen und hat ohne Genehmigung auf israelischem Staatsland  gebaut&#8221;, sagt Sprecherin Ortal Tsabar. 2000 erwirkte die Behörde eine  einstweilige Verfügung, die den Familien verbietet, das Land, das sie  ihr Eigen nennen, zu betreten. Die Behörde habe den Beduinen angeboten,  das Land zu pachten. Doch die Familien hätten sich geweigert.</p>
<p>2003 kam der Räumungsbefehl. Seitdem haben die  Beduinen in mehreren Instanzen gegen die Vertreibungen geklagt, bislang  ohne Erfolg. Sowohl der Oberste Gerichtshof als auch das Bezirksgericht  in Beer Sheva kamen zu dem Urteil, die Kläger könnten nicht eindeutig  beweisen, dass das Land ihnen gehöre. Eine endgültige Entscheidung im  Revisionsverfahren steht noch aus. Die Bulldozer kamen trotzdem.</p>
<p>Abu Mdagim lässt die Metallverschlüsse seines  braunen Lederkoffers aufschnappen und breitet Dokumente in  Klarsichtfolien auf dem sandigen Boden aus. Diese Papiere sind alles,  was er gegen die israelischen Behörden vorzubringen hat. Das älteste  stammt aus dem Jahr 1929. Abu Mdagim zeigt auf den Daumenabdruck, mit  dem sein Großvater unter osmanischer Herrschaft sein Recht auf das Land  mit schwarzer Tinte besiegelte. Das jüngste Dokument stammt von 1972.  Die israelische Landbehörde registrierte damals die 32,5 Hektar, die Abu  Mdagim im Norden der Negev-Wüste für sich in Anspruch nimmt, als sein  Eigentum. Doch das scheint heute nicht mehr zu gelten.</p>
<p>&#8220;Hinter all dem steckt eine klare Ideologie&#8221;,  sagt Wasim Abbas, ein Mitarbeiter der Physicians for Human Rights, der  sich seit Jahren um die Belange der Beduinen kümmert. Unter  Ministerpräsident Ehut Olmert hatte es noch so ausgesehen, als könnte  die Beduinenfrage gelöst werden. Ein Komitee unter Leitung des  ehemaligen Präsidenten des Obersten Gerichtshofs, Eliezer Goldberg,  hatte der Regierung 2008 in einem Bericht empfohlen, die Dörfer der  ehemaligen Nomaden anzuerkennen und mit der nötigen Infrastruktur zu  versorgen.</p>
<p>Doch die neue Regierung unter Benjamin  Netanjahu will von diesen Vorschlägen nichts mehr wissen. &#8220;Einige  rechtskonservative Mitglieder der Regierung betrachten die arabischen  Beduinen als demografische Bedrohung&#8221;, erklärt Abbas. Deshalb wolle man  die indigenen Wüstenbewohner mit allen Mitteln von ihrem Land  vertreiben, um anschließend die jüdische Bevölkerung dort anzusiedeln.</p>
<p>Und tatsächlich: Nicht weit vom Beduinendorf  al-Araqib liegen die beiden jüdischen Nachbarorte Lehavim und Omer. Als  zwei der wohlhabendsten Gemeinden des Landes gehören sie zu den  Vorzeigeobjekten der israelischen Negev-Strategie. Statt Wellblechhütten  reihen sich hier Einfamilienhäuser mit grünen Gärten und Palmen  aneinander. Diese offene Ungerechtigkeit bringt Abu Mdagim in Rage.</p>
<p>&#8220;Wo ist der Respekt vor den Menschenrechten,  der Respekt vor den Rechten von Minderheiten geblieben?&#8221;, ruft er und  schüttelt den Zeigefinger im Wüstenwind. Er wisse, dass nicht alle Juden  so seien, fährt er fort. Schuld sei die Regierung. &#8220;Was ist das für  eine Demokratie?&#8221;, fragt er. &#8220;Offenbar nur eine für bestimmte  Menschen!&#8221;, sagt er. Aufgeben will Abu Mdagim trotzdem nicht. Die  einzige Möglichkeit, ihn und seine Familie loszuwerden, sei die  Deportation. &#8220;Ich stehe zu meinem Volk.&#8221;</p>
<p><a href="http://www.taz.de/1/politik/nahost/artikel/1/das-recht-der-bulldozer/">(taz, 24. Oktober 2010)</a></p>
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		<title>Aloha Gaza</title>
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		<pubDate>Sat, 16 Oct 2010 23:33:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Marlene</dc:creator>
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		<description><![CDATA[»Surfing for Peace«: Der Gaza Surf Club hat beste Freunde in Israel und Amerika.
Jede Minute draußen auf dem Meer ist eine Minute gewonnener Freiheit.  Der 31-jährige Palästinenser Achmed Abu Hassira surft jede Welle, die  ihm unters Brett kommt. Jeden Tag, egal wie das Wetter ist. »In Gaza gibt es keine Zukunft«, sagt er, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>»Surfing for Peace«: Der Gaza Surf Club hat beste Freunde in Israel und Amerika.</p>
<div id="attachment_665" class="wp-caption aligncenter" style="width: 458px"><img class="size-full wp-image-665" title="Gaza Surfing 3" src="http://www.mischwaldserver.de/randbemerkerin/wp-content/uploads/2010/10/Gaza-Surfing-3.jpg" alt="Surfer im Gaza-Streifen: Im Wasser wird der Streit um Land unwichtig. Foto: Fredy Gareis" width="448" height="300" /><p class="wp-caption-text">Surfer im Gaza-Streifen: Im Wasser sind alle Konflikte um Land egal. Foto: Fredy Gareis</p></div>
<p>Jede Minute draußen auf dem Meer ist eine Minute gewonnener Freiheit.  Der 31-jährige Palästinenser Achmed Abu Hassira surft jede Welle, die  ihm unters Brett kommt. Jeden Tag, egal wie das Wetter ist. »In Gaza gibt es keine Zukunft«, sagt er, »aber auf dem Meer fühle ich mich frei«, auf dem Meer vor der Küste des seit vier Jahren von Israel abgeriegelten Gazastreifens.</p>
<p><span id="more-664"></span></p>
<div id="place_4" style="display: none;"><span>Anzeige</span></p>
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<div><img style="display: none;" src="http://s0.2mdn.net/dot.gif" border="0" alt="" width="1" height="1" />&lt;div&gt;&lt;a href=&#8221;http://ad.de.doubleclick.net/jump/zeitonline/sport/article;tile=4;sz=300&#215;250;kw=zeitonline;ord=123456789?&#8221; rel=&#8221;nofollow&#8221;&gt;&lt;img src=&#8221;http://ad.de.doubleclick.net/ad/zeitonline/sport/article;tile=4;sz=300&#215;250;kw=zeitonline;ord=123456789?&#8221; width=&#8221;300&#8243; height=&#8221;250&#8243; style=&#8221;border:none;&#8221; alt=&#8221;"&gt;&lt;/a&gt;&lt;/div&gt;</div>
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<p>Während der Muezzin in Gaza-Stadt zum Mittagsgebet ruft, schlüpfen  Abu Hassira und seine Freunde in die Board-Shorts und greifen sich die  gewachsten Surfbretter. Die meisten von ihnen arbeiten als Lebensretter  am Strand und verdienen damit 300 Dollar monatlich. Sie stapfen durch  den Sand, vorbei an einer Wasserpfeifenbar, in der ein einziger Mann an  einer Shisha unter dem Palmendach pafft. Der Strand ist fast  menschenleer. Zeit also, die Wellen zu jagen. »Zum Glück haben wir hier  keine Probleme mit der Hamas«, sagt Abu Hassira. Viele andere  Freizeitbeschäftigungen hat die islamistische Extremisten-Partei  verboten. Es werden keine Kinofilme gezeigt, Frauen dürfen nicht mehr  Wasserpfeife rauchen, und palästinensische Rapper müssen sich eine  Auftritts-Genehmigung von der Hamas einholen. »Aber Surfen«, erklärt Abu  Hassira, »ist einfach nur ein Sport.« Wenn auch ein teurer.</p>
<p>Vor der israelischen Blockade fuhren die Jungs vom Gaza Surf Club  nach Israel, kauften dort gebrauchte Bretter und verlängerten deren  Leben auf den Wellen vor Gaza. Nach dem Wahlsieg der Hamas 2006 und der  blutigen Vertreibung der gemäßigten palästinensischen Partei Fatah hat  Israel den Gazastreifen zu feindlichem Gebiet erklärt. Seitdem ist der  41 Kilometer lange und an der dicksten Stelle nur 12 Kilometer breite  Landstrich abgeriegelt. Eine israelische Sperranlage umgibt die rund 1,5  Millionen Menschen. Surfbretter schafften es nicht durch die beiden  israelischen Checkpoints, auch nicht durch die Schmuggeltunnel zwischen  Gaza und Ägypten. Dass seit diesem Sommer jedes der 24 Mitglieder des  Clubs ein eigenes Brett besitzt, verdanken die palästinensischen  Wellenreiter einem Israeli und einem Amerikaner.</p>
<p>80 Kilometer oberhalb von Gaza, am israelischen Topsea-Strand im  Norden von Tel Aviv, kommt Arthur Rashkovan barfuß und mit einem  Surfbrett unter dem Arm angelaufen. »Das ist mein Heimatstrand«, sagt  der 30-Jährige. »Ich surfe hier, seit ich 15 bin.« Er blickt aufs Meer  hinaus. In der nahen Strandbar werden weiße Sonnenliegen im akkurat  geharkten Sand aufgereiht. Jogger sind auf der geteerten Strandpromenade  unterwegs. In der Bucht lauert ein kleines Rudel Surfer auf die nächste  Welle. Die weißen Spitzen der Bretter und braun gebrannte Oberkörper  ragen aus dem Wasser. Auch hier ist es noch still.</p>
<p>Rashkovan, der Surflehrer, gründete vor drei Jahren mit der  kalifornischen Surflegende Dorian Paskowitz die Organisation »Surfing  for Peace«. Paskowitz, ein ehemaliger Arzt, der mit seiner elf-köpfigen  Familie in Wohnmobilen von Strand zu Strand tingelt, hatte im Juli 2007  einen Artikel in der <em>Los Angeles Times</em> von zwei  palästinensischen Surfern aus Gaza gelesen, die sich ein Brett teilen  müssen, um ihrer großen Leidenschaft nachgehen zu können. Paskowitz rief  sofort seinen Freund Rashkovan an. Die beiden beschlossen, Bretter zu  schicken. Dass es drei Jahre brauchte, bis sie ankommen würden, ahnte  Rashkovan damals nicht.</p>
<p>»Uns Surfer verbindet etwas ganz Spezielles«, erklärt der Israeli,  während er die Brandung beobachtet. »Wenn du mal gemeinsam mit jemandem  im Tunnel einer großen Welle gesurft bist, dann ist das eine Erfahrung,  die du nur mit ihm teilst.« Solidarität unter Surfern sei also  Ehrensache, jenseits aller politischen Differenzen. Schnell waren  Dutzende von privaten Spendern und Surffirmen aus den USA und Israel  gefunden, die Neoprenanzüge, Wachs und 24 neue Bretter für Gaza  spendeten. Matthew Olsen, noch ein Surfer-Freund aus Kalifornien,  organisierte den Transport. Im Mai 2008 erreichte ein voller Container  Israel – und damit auch den Nahostkonflikt, der alles durchdringt.</p>
<p>Nach wochenlanger Zollprüfung gaben die israelischen Behörden die  Lieferung zwar frei, eine Einfuhrgenehmigung nach Gaza aber bekamen die  Surfer nicht. Wegen des Embargos. Die drei fassten einen waghalsigen  Plan.</p>
<p>Während Raketen von Gaza ins israelische Sderot flogen, reisten die  Amerikaner Olsen und Paskowitz mit vier Brettern und einem Koffer voller  Neoprenanzügen, T-Shirts und Shorts zum Grenzübergang: »Wir wollen  surfen gehen«, erklärten sie dem israelischen Wachposten – und der ließ  sie passieren. Als sie Achmed Abu Hassira und seine Freunde vom Gaza  Surf Club erreichten, brachen alle zusammen in Tränen aus.</p>
<p>2008/09 führte Israel Krieg in Gaza. An die Lieferung der restlichen  Surfbretter war nicht mehr zu denken. Erst ein tödlicher Zwischenfall im  Mai dieses Jahres brachte Bewegung in die Fronten: Die <em>Mavi Marmara,</em> ein türkisches Schiff mit Hilfsgütern für die Palästinenser in Gaza,  das die Seeblockade vor der Küste zu durchbrechen suchte, war von der  israelischen Marine aufgebracht und neun Aktivisten waren erschossen  worden. Die Weltöffentlichkeit reagierte empört. »Nach dieser Geschichte  überarbeitete Israel die Liste jener Güter, die nicht nach Gaza  eingeführt werden dürfen«, sagt Rashkovan. »Surfbretter standen  plötzlich nicht mehr darauf.« Olsen und Paskowitz konnten die Bretter am  Grenzübergang überreichen.</p>
<p>Rashkovan, der Israeli, darf die Grenze nach Gaza aus  Sicherheitsgründen nicht passieren. Die Surfer kennt er deshalb nur vom  Telefon. »Ein paar von ihnen sprechen ein bisschen Englisch und  Hebräisch«, sagt er. In den letzten Jahren haben sie regelmäßig  telefoniert. »Wir sind Freunde geworden«, Rashkovan strahlt. Eine Geste  habe ihn besonders berührt: »Zum Dank für die Surfbretter haben die  Jungs mir einen bemalten Teller geschenkt«, erzählt er. »In der Mitte  das Logo von Surfing for Peace und am Rand unsere Namen.« Nun hängt der  Teller in seinem Wohnzimmer. Als nächstes will er gemeinsam mit den  Freunden aus Gaza nach Hawaii fahren und mit ihnen den »Aloha Spirit von  Liebe und Frieden« erleben: »Ich will mit ihnen ins Wasser, will ihnen  zeigen, was es bedeutet, den Lebensstil eines Surfers zu leben.« Eine  Ausreisegenehmigung haben die Palästinenser noch nicht. Das Verfahren ist kompliziert, die Hamas muss zustimmen,  und Rashkovan braucht die Genehmigung des Militärs. »Ich hoffe, dass uns  das im Laufe des nächsten Jahrs gelingt.«</p>
<p>Dass er den seit mehr als sechzig Jahren währenden Konflikt zwischen  Israelis und Arabern überwinden kann, glaubt Rashkovan natürlich nicht.  »Aber ich gewinne Freunde, die eigentlich meine Feinde sein sollten«,  sagt er, »denn im Wasser sind alle Konflikte um Land egal.«</p>
<p>Am Strand von Gaza schauen auch Achmed Abu Hassira und seine Freunde hinaus aufs Meer. Das Mittelmeer ist ein bisschen rau heute, die Wellen brechen  unregelmäßig. Hinter den Surfern liegt Gaza-Stadt, ein heißer, staubiger  beengter Raum, den viele der jungen Leute am liebsten verlassen würden.  Der Strand hingegen ist ein Streifen Freiheit. Achmed sagt: »Wenn ich  dort draußen bin, fühle ich mich, als würde ich fliegen.«</p>
<p>Ein paar Seemeilen weiter draußen bewacht die israelische Marine die  Gewässer, in der Stadt in ihrem Rücken haben sie keine Zukunft. Sie alle  wollen weg aus Gaza. Es ist sogar egal, ob es an dem neuen Ort Wellen  gibt.</p>
<p>(<a href="http://www.zeit.de/2010/41/Gaza-Surfing?page=1">Die Zeit, 7. Oktober 2010</a> in Zusammenarbeit mit <a href="http://www.fredy-gareis.de/">Fredy Gareis</a>)</p>
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		<title>Der Siedler aus Uetersen</title>
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		<pubDate>Wed, 08 Sep 2010 09:34:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Marlene</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Israel]]></category>
		<category><![CDATA[Texte]]></category>
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		<category><![CDATA[Jüdische Siedler]]></category>
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		<description><![CDATA[David zieht zum Studium von Schleswig-Holstein in eine israelische Siedlung im Westjordanland. Plötzlich ist er ein Teil des Nahostkonflikts
David Gruss ist kein Mensch, der gegen das Unvermeidliche rebelliert. Die Baustelle vor seinem Fenster beschäftigt die ganze Welt: Barack Obama, die Europäische Union, die Vereinten Nationen. Unablässig ringen sie mit der Regierung Israels darum, wo in [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>David zieht zum Studium von Schleswig-Holstein in eine israelische Siedlung im Westjordanland. Plötzlich ist er ein Teil des Nahostkonflikts</p>
<div id="attachment_674" class="wp-caption aligncenter" style="width: 458px"><img class="size-full wp-image-674" title="David Gruss an der Sperranlage um die jüdische Siedlung Ariel im Westjordanland Foto: Malin Schulz" src="http://www.mischwaldserver.de/randbemerkerin/wp-content/uploads/2010/09/ariel2.jpg" alt="David Gruss an der Sperranlage um die jüdische Siedlung Ariel im Westjordanland Foto: Malin Schulz" width="448" height="290" /><p class="wp-caption-text">David Gruss an der Sperranlage um die jüdische Siedlung Ariel im Westjordanland Foto: Malin Schulz</p></div>
<p>David Gruss ist kein Mensch, der gegen das Unvermeidliche rebelliert. Die Baustelle vor seinem Fenster beschäftigt die ganze Welt: Barack Obama, die Europäische Union, die Vereinten Nationen. Unablässig ringen sie mit der Regierung Israels darum, wo in dem konfliktgeplagten Landstrich gebaut werden darf und wo nicht. Die Frage gilt als Schlüssel zu einem Frieden im Nahen Osten. Für David ist sie zunächst einmal eine Frage des Ausblicks. Früher konnte er von seinem Balkon das Meer sehen, das Glitzern der Wellen in der Sonne, davor die Hochhaustürme von Tel Aviv. Jetzt versperren ihm drei butterkeksfarbene Mehrfamilienhäuser die Sicht. Schade findet er das, »aber man kann es nicht ändern«.</p>
<p>David ist in Uetersen aufgewachsen, einem kleinen Ort in Schleswig-Holstein mit Backsteinhäusern, Blumenrabatten und einem Heimatmuseum, das die Geschichte Uetersens seit dem 13. Jahrhundert dokumentiert. Jetzt ist er 25 und lebt in einer jüdischen Siedlung im Westjordanland, die kaum älter ist als er selbst. Ariel hat 18 000 Einwohner und liegt 20 Kilometer hinter der sogenannten Grünen Linie, der Waffenstillstandslinie von 1949, und damit offi ziell nicht mehr auf israelischem Gebiet. Nach dem Völkerrecht sind Orte wie Ariel illegal. Und weil David in Ariel wohnt, ist auch er, der junge Jude aus Norddeutschland, plötzlich ein Siedler im Westjordanland geworden, einer von denen, über die man auf der ganzen Welt spricht.</p>
<p><a href="http://www.zeit.de/campus/2010/05/inhaltsverzeichnis">Mehr über David Gruss, den Siedler aus Uetersen in der aktuellen Ausgabe von Zeit Campus</a></p>

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		<title>Blick ins Dickicht</title>
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		<pubDate>Sat, 28 Aug 2010 09:40:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Marlene</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Israel]]></category>
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		<category><![CDATA[Berlin]]></category>
		<category><![CDATA[Holocaust]]></category>

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		<description><![CDATA[Die  Eltern des israelischen Malers Eldar Farber haben den Holocaust nur  knapp überlebt. Ausgerechnet der symbolträchtige deutsche Wald ist sein  bevorzugtes Motiv. Eine Suche nach innerem Frieden
Eldar  Farber malt Wälder. Dichte, tiefe, dunkle Wälder, deren Dickicht nur  hie und da ein paar Sonnenstrahlen erhellen. Als Kind hatte Farber vor  [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die  Eltern des israelischen Malers Eldar Farber haben den Holocaust nur  knapp überlebt. Ausgerechnet der symbolträchtige deutsche Wald ist sein  bevorzugtes Motiv. Eine Suche nach innerem Frieden</p>
<div id="attachment_650" class="wp-caption aligncenter" style="width: 458px"><img class="size-full wp-image-650" title="Eldar Farber" src="http://www.mischwaldserver.de/randbemerkerin/wp-content/uploads/2010/08/Eldar-Farber.jpg" alt="Eldar Farber in der Galerie Alon Segev in Tel Aviv, Foto: Eddie Gerald" width="448" height="299" /><p class="wp-caption-text">Eldar Farber in der Galerie Alon Segev in Tel Aviv, Foto: Eddie Gerald</p></div>
<p>Eldar  Farber malt Wälder. Dichte, tiefe, dunkle Wälder, deren Dickicht nur  hie und da ein paar Sonnenstrahlen erhellen. Als Kind hatte Farber vor  dem Einschlafen von solchen Wäldern geträumt. Voller Wohlgefühl pflückte  er darin Beeren und Nüsse von den Sträuchern. Gesehen hat er die Wälder  seiner Träume zum ersten Mal vor fünf Jahren &#8211; mit 35, in Berlin und  Umgebung. In Deutschland &#8211; in dem Land, in dem seine Eltern nur knapp  dem Tod entkamen. &#8220;Ich hatte das Gefühl, diese Orte zu kennen&#8221;, sagt  Farber nachdenklich. &#8220;Dabei gibt es solche Wälder in Israel gar nicht.&#8221;  Sein Blick schweift in die Ferne, bleibt starr an einem unsichtbaren,  weit entfernten Punkt haften. &#8220;Fast so, als wären die Wälder in meinen  Genen kodiert.&#8221;<span id="hauptspalte"><br />
<span id="more-649"></span>Der 40-Jährige ist Sohn von  Holocaustüberlebenden. Seine Eltern stammen aus Polen und überlebten die  Schoah als Kinder nur knapp. Wenn Farber davon erzählt, bei einem  Treffen in Tel Aviv, bekommt er Gänsehaut. &#8220;Dass sie nicht umgekommen  sind, war so wahrscheinlich, wie durch den strömenden Regen zu gehen und  nicht von einem einzigen Tropfen getroffen zu werden&#8221;, sagt er. Ein  polnisches Kindermädchen versteckte Farbers Mutter bis zum Kriegsende in  einer winzigen, fensterlosen Kammer hinter dem Schrank. Die Fünfjährige  konnte gerade noch aus dem Ghetto fliehen, bevor ihre Familie nach  Auschwitz abtransportiert wurde. Farbers Vater versteckte sich in der  Abteilung für ansteckende Krankheiten in einem Krankenhaus im Ghetto  Lodz, bevor er mit seiner Familie kurz vor Kriegsende in den  Konzentrationslagern Ravensbrück, Sachsenhausen und Königs Wusterhausen  interniert wurde.</span></p>
<p>&#8220;Für mich existierte  Deutschland nur in Schwarzweiß, in ruckelnden Bildern einer alten  Kameraaufnahme&#8221;, sagt Farber. Deutsch war für ihn eine Sprache, die man  nur schreien kann. Vor einem Besuch in Deutschland hatte er immer Angst.</p>
<p>Diese  Furcht ist auf Farbers Bildern erst auf den zweiten Blick zu spüren.  Die meisten seiner Ölbilder zeigen menschenleere Waldszenen aus dem  Berliner Tiergarten und den Vororten der Stadt: die Stämme im  Vordergrund, im Hintergrund verliert sich der Blick im Dickicht.  Zunächst sehen die Bilder einladend aus. Sonnenflecken erhellen das Grün  und die Stämme und laden dazu ein, den federnden Waldboden zu betreten.  Erst weiter hinten wartet im Dunklen das Unbekannte und irgendwie  Bedrohliche. Dort, in der Ferne, wo Grün und Finsternis miteinander  verschmelzen, kann alles lauern: das unvorstellbare Grauen ebenso wie  eine einladende Lichtung im Sonnenschein.</p>
<p>Vor fünf  Jahren wagte Farber sich zum ersten Mal nach Berlin, bewaffnet mit  Pinseln und Staffelei. Er wollte die Stationen sehen, die sein Vater in  Deutschland zurückgelegt hatte, suchte nach Antworten, nach dem &#8220;Warum&#8221;.  &#8220;Meine Staffelei ist wie ein Schild für mich&#8221;, erklärt Farber. &#8220;Wenn  ich in ihrem Schatten stehe, dann bin ich in Sicherheit, auf meinem  eigenen Territorium, auf dem mir nichts passieren kann &#8211; wie auf dem  Gelände der Botschaft für Kunst.&#8221; So gerüstet, landete er in Tegel. Die  Sonne schien, er sah die Landschaft zum ersten Mal in Farbe, traf  warmherzige Menschen, mit denen er sich gut verstand. &#8220;Das alles war  sehr verwirrend für mich&#8221;, sagt er, &#8220;ein einziger Widerspruch.&#8221;</p>
<p>Was  er gedacht hatte und was er erlebte, passte nicht zusammen. Immer  wieder kollidierten seine Gefühle. Es waren ganz alltägliche  Situationen, die ihn am meisten verwirrten. Eines Morgens zum Beispiel,  stand er in der Küche und spülte sein Frühstücksgeschirr. &#8220;Die Sonne  schien, im Radio lief Musik und ich dachte: Was für ein wunderschöner  Tag&#8221;, erinnert sich Farber. &#8220;Doch plötzlich erklang die Stimme des  Radiosprechers und er sagte dröhnend ,Guten Morgen, Berlin&#8217;&#8221;. Farber  ließ vor Schreck den Teller fallen.</p>
<p>Dass Farber  nun ausgerechnet deutsche Wälder malt, erscheint wie der mutige Schritt  in die Höhle des Löwen; als wolle er, dessen Familie so sehr unter den  Deutschen zu leiden hatte, die deutsche Seele mit all ihren Licht- und  Schattenseiten auf Leinwand bannen. Kaum ein deutsches Symbol ist so  ideologisch aufgeladen wie Farbers bevorzugtes Motiv.</p>
<p>Seit  der Romantik ist der &#8220;deutsche Wald&#8221; Metapher und Sehnsuchtsort der  Deutschen in Dichtung, Malerei und Musik, gilt als Sinnbild für die  germanisch-deutsche Art und als genuin deutsche Kulturlandschaft &#8211; ein  Bild, das sich bis heute in der deutschen Naturschutzbewegung erhalten  hat.</p>
<p>Im Nationalsozialismus wurde das Topos des  deutschen Waldes ebenbürtig mit der rassistischen &#8220;Blut und  Boden&#8221;-Ideologie. Seine Bedeutung gipfelte im Bild der deutschen Eiche  als nationalem Symbol für Stärke und Heldenmut. Während die  Nationalsozialisten die Deutschen in der Nachfolge der Germanen als  ursprüngliches &#8220;Waldvolk&#8221; sahen, stigmatisierten sie die Juden als  &#8220;Wüstenvolk&#8221; und rechtfertigten unter anderem damit deren  Diskriminierung und Verfolgung.</p>
<p>Farber wagt mit  seinen Bildern das Unmögliche: Er, der Jude, der Vertriebene, der Sohn  von Überlebenden, malt das innerste Wesen des Feindes mit einem Mut und  einer Offenheit, ja mit einer Bereitschaft zur Vergebung, die dem  deutschen Betrachter fast physische Schmerzen bereitet &#8211; und doch heilt  er damit in erster Linie sich selbst.</p>
<p>Beim Besuch  der Gedenkstätte des Konzentrationslager Ravensbrück lernte Farber einen  jungen Deutschen kennen. &#8220;Groß, blond, blaue Augen, genauso, wie wir  uns die Deutschen immer vorstellen&#8221;, sagt er. Sie begannen sich zu  unterhalten &#8211; und waren sofort auf einer Wellenlänge. &#8220;Der Deutsche  fragte mich, wie ich mich fühlte. Und da merkte ich, dass ich mir diese  ganz simple Frage gar nicht gestellt hatte.&#8221;</p>
<p>Sie  war nicht leicht zu beantworten. &#8220;So absurd das klingt: Auf der einen  Seite fand ich Ravensbrück sehr schön&#8221;, sagt Farber. Das satte Grün der  Bäume, ein kleiner See, in dem sich die Häuser spiegeln. &#8220;Aber  gleichzeitig spürte ich den Boden unter meinen Füßen brennen.&#8221; Als er  zurück nach Berlin fuhr, hatte sich etwas verändert: &#8220;Ich war traurig.  Aber ich trauerte nicht mehr um die Toten, sondern um die Überlebenden,  um mich selbst.&#8221;</p>
<p>Denn seine Eltern hätten zwar  Glück gehabt, den Holocaust zu überleben. &#8220;Aber kann man wirklich von  Glück sprechen, Teil dieser Geschichte zu sein und diese schwere Bürde  auf Lebenszeit mit sich zu tragen?&#8221; Und noch etwas war ihm klar  geworden: &#8220;Wir Israelis haben jemanden, den wir hassen können&#8221;, sagt  Farber. &#8220;Die Deutschen dagegen müssen mir ihrer Schuld ganz alleine  zurechtkommen.&#8221; Nach seinem Besuch in Ravensbrück beschloss Farber,  Deutschland zu malen. Sechs Mal war er in den vergangenen fünf Jahren in  Berlin, blieb insgesamt zwei Jahre dort, wohnte zur Zwischenmiete in  Mitte und Prenzlauer Berg. Damit ist er nicht allein: Immer mehr  Israelis zieht es nach Berlin. Nach Angaben des Amts für Statistik  Berlin-Brandenburg hat sich die Zahl der Übernachtungen von israelischen  Touristen in Berlin fast verfünffacht.</p>
<p>Gerade  jüngere Israelis bleiben, wie Farber, oft für länger in der Stadt. Auch  die Zahl der Israelis, die in Berlin gemeldet sind, hat zwischen 1999  und 2009 um fünfzig Prozent zugenommen. &#8220;Auf deutschem Boden zu stehen  und zu malen und durch diesen Akt die Umwelt für mich neu zu gestalten&#8221;,  sagt Farber und hält lange inne, bevor er weiter spricht. &#8220;Das war ein  Transformationsprozess.&#8221;</p>
<p>Ende Juni ging Farbers  Ausstellung in einer Galerie auf dem Tel Aviver Rothschild-Boulevard zu  Ende. Sie war ein voller Erfolg, alle Bilder wurden verkauft. &#8220;Deutsche  Landschaften&#8221; war der Titel der Ausstellung.</p>
<p>Seit  Anfang August ist Farber wieder für zweieinhalb Monate in Berlin. Durch  seine Malerei habe er verstanden, dass er nicht nach Berlin gegangen  war, weil er die Vergangenheit habe vergeben wollen, sagt Farber.  Stattdessen habe er inneren Frieden gesucht. &#8220;Und ich hatte Erfolg.  Jetzt fühle ich mich leichter.&#8221;</p>
<p><a href="http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=ku&amp;dig=2010%2F08%2F27%2Fa0145&amp;cHash=30ec93e943">(taz, Berlin Kultur, 27. August 2010)</a></p>
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		<title>Die vergessenen Siedler</title>
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		<pubDate>Thu, 19 Aug 2010 21:35:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Marlene</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Texte]]></category>
		<category><![CDATA[Gaza]]></category>
		<category><![CDATA[Gush Katif]]></category>
		<category><![CDATA[Israeli Defence Force (IDF)]]></category>
		<category><![CDATA[Jüdische Siedler]]></category>

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		<description><![CDATA[Vor fünf Jahren räumten israelische Soldaten den Siedlungsblock Gush  Katif im Gaza-Streifen. Viele der ehemaligen Bewohner warten immer noch  auf ein neues Zuhause
Widerwillig blickt Dikla Cohen von der staubigen Straße aus auf die planierte Geröllfläche. Hier soll bald ihr neues Haus entstehen. 500 Quadratmeter auf zwei Etagen. Am Osthang eines Hügels, von dem [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Vor fünf Jahren räumten israelische Soldaten den Siedlungsblock Gush  Katif im Gaza-Streifen. Viele der ehemaligen Bewohner warten immer noch  auf ein neues Zuhause</p>
<div id="attachment_610" class="wp-caption aligncenter" style="width: 458px"><img class="size-full wp-image-610  " title="Dikla Cohen" src="http://www.mischwaldserver.de/randbemerkerin/wp-content/uploads/2010/08/Dikla-Cohen.jpg" alt="Hier soll Dikla Cohens neues Haus bald stehen. " width="448" height="298" /><p class="wp-caption-text">Nicht in Gaza, dafür mit Panoramablick aufs Westjordanland: Hier soll Dikla Cohens neues Haus bald stehen. Die Siedlerin will lieber zurück nach Gush Katif. </p></div>
<p>Widerwillig blickt Dikla Cohen von der staubigen Straße aus auf die planierte Geröllfläche. Hier soll bald ihr neues Haus entstehen. 500 Quadratmeter auf zwei Etagen. Am Osthang eines Hügels, von dem aus man die Palästinensergebiete überblicken kann. In Mitten der bislang relativ unbewohnten Lachisch-Gegend in Israel. „Eigentlich will ich gar nicht mit dem Bau beginnen“, sagt Cohen missmutig. „Denn dann muss ich ein Kapitel schließen, mit dem ich noch gar nicht fertig bin.“</p>
<p>Das Kapitel heißt Gush Katif. Vor genau fünf Jahren, zwang die israelische Armee rund 8.800 jüdische Siedler, die bis dahin in 21 Siedlungen im Gazastreifen gelebt hatten, ihre Häuser zu verlassen. Dikla Cohen war eine von ihnen. Nach langer politischer Diskussion, über der sogar die damalige Regierungspartei Likud zerbrach, hatte das israelische Kabinett den so genannten „einseitigen Abzugsplan“ des damaligen Ministerpräsidenten Ariel Sharon gebilligt. Der Plan sah vor, alle israelischen Siedlungen im Gazastreifen und vier israelische Siedlungen im Westjordanland zu räumen. Einige Siedler gingen freiwillige. Dikla Cohen, ihr Ehemann und ihre neun Kinder weigerten sich. Soldaten mussten die Türe zu ihrem Haus eintreten und die 11-köpfige Familie ins Freie tragen. „Ich wollte nicht, dass mir meine Kinder eines Tages Vorwürfe machen, dass ich sie aus Gush Katif weggebracht habe“, erklärt Cohen. „Sie sollten mit eigenen Augen sehen, dass es israelische Soldaten waren, die uns vertrieben haben.“</p>
<p><span id="more-609"></span></p>
<p>Seitdem ist Dikla Cohens Leben eine Baustelle. Ein Bus brachte die Familie gemeinsam mit anderen evakuierten Siedlern in ein Hotel in Jerusalem. Dort warteten sie acht Monate darauf, zu erfahren, wo sie in Zukunft leben sollten. Was sie aus Gush Katif mitgenommen hatten, passte in zwei Koffer. „Es war schrecklich“, erinnert sie sich. „Meine Tochter konnte nichts essen. Sie verlor sieben Kilo.“ Schließlich zogen die Cohens in einen etwa einhundert Quadratmeter großen Container, den die israelische Regierung der Familie in einem kleinen Dorf nahe ihrer zukünftigen Heimat bereitgestellt hatte. In ihrem provisorischen Wohnzimmer klopft Cohen mit dem Knöchel gegen die Wand. „Das ist alles Karton“, sagt sie. „Caravilla“ nennt man solche Fertighäuser in Israel. Die Teile werden in der Fabrik gefertigt, auf Lastwagen an den Bestimmungsort transportiert und vor Ort in wenigen Schritten zusammengesetzt. Zwei Wochen hat es gedauert, den Siedlungsblock im Gazastreifen, der einmal Dikla Cohens Heimat war, dem Erdboden gleich zu machen. Fünf Jahre später wohnt die Familie immer noch in einer Übergangslösung aus Pappe. Lediglich 165 der 1.800 Familien aus Gush Katif, die in Ortschaften in ganz Israel untergekommen sind, leben bereits in einem neuen Haus. „Ab dem Zeitpunkt, als die Regierung unsere Koffer im Container abgestellt und die Tür hinter uns zugemacht hatte, hat sie uns vergessen“, sagt Cohen resigniert.</p>
<p>Eine von der Regierung Netanyahu beauftragte Untersuchungskommission zur Lage der Siedler kommt zu einem ähnlichen Ergebnis. „Der Staat Israel hat im Umgang mit denen, die aus Gush Katif evakuiert wurden, versagt“, lautet das Fazit fast 500-Seiten umfassenden Berichts, den das Komitee im Juni vorlegte. Die meisten ehemaligen jüdischen Bewohner Gazas lebten dem Bericht zufolge nach wie vor in temporären Unterkünften, die zu beziehenden Häuser seien mehrheitlich noch nicht gebaut, Infrastruktur und öffentliche Einrichtungen befänden sich im Anfangsstadium des Baus und die Arbeitslosenquote unter den ehemaligen Siedlern sei doppelt so hoch, wie in der restlichen Bevölkerung Israels, resümiert der Bericht weiter. Die Regierung hat nun Besserung gelobt. Die Behandlung der ehemaligen Siedler habe mittlerweile oberste Priorität, heißt es in einem offiziellen Statement der israelischen Regierung auf Anfrage von Zeit Online. Bis zum 31. Dezember 2011 soll die Mehrheit der Siedlergemeinden demnach in ihre neuen Häuser umgezogen sein.</p>
<p>Während Cohen am Esstisch sitzt und erzählt, kneten ihre Finger eine rußgeschwärzte israelische Flagge. Der blaue Stern auf weißen Grund ist nur noch halb zu sehen. Einst hing die Fahne am Gartentor zum 300 Quadratmeter großen Anwesen der Cohens in Gush Katif. Eine Rakete, abgefeuert von Palästinensern in Gaza habe das Stück Stoff zerstört, sagt die 45-Jährige. Die Siedler waren an solche Angriffe gewöhnt. Obwohl sie rund um die Uhr von der israelischen Armee bewacht wurden, feuerten die arabischen Bewohner Gazas während der zweiten Intifada mehr als 5.000 Mörsergranaten auf Gush Katif. Verletzt wurde dadurch kaum jemand. Einige Siedler kamen jedoch bei Schießereien ums Leben. Ein Grund zum fortziehen, war das für die Cohens nicht.</p>
<p>„Überall in Israel ist es gefährlich“, erklärt Cohen. Mehr noch: Auf der ganzen Welt seien Juden bedroht. Deshalb müssten religiöse Siedler, wie die Cohens ganz Israel bewohnen – ihr Land, den einzigen Ort, der ihnen auf der Welt gehöre. Wenn sie „Israel“ sagt, meint die Siedlerin damit nicht nur das Land innerhalb des aktuellen, international umstrittenen Grenzverlaufs, sondern auch das seit 1967 besetzte Westjordanland, den Gazastreifen und die seit 1982 wieder zu Ägypten gehörende Sinaihalbinsel. Nur ein starkes, vereintes Israel könne letztlich Frieden bringen. „Wir tun das nicht für uns selbst“, erklärt sie. „Unser Glaube lehrt uns, ein Leben zu führen, das einem höheren Zweck dient.“</p>
<p>In dieser Gewissheit zog es die Cohens vor einundzwanzig Jahren als frisch verheiratetes Paar nach Gush Katif. Sie wollten Teil des so genannten „Fünf-Finger-Plans“ sein, der vorsah, den Gazastreifen mithilfe der jüdischen Siedlungen an fünf strategisch wichtigen Punkten zu zerteilen, um so einen räumlichen und politischen Zusammenschluss der dort lebenden Araber zu verhindern. „Als wir in Gaza ankamen, gab es dort nichts außer Sand“, erinnert sich Cohen. „Doch alles, was wir anpflanzten, wuchs.“ Bis zur Räumung des Siedlungsblocks vor fünf Jahren bewirtschafteten die Siedler in Gaza 300 Hektar Ackerland. In Gewächshäusern bauten sie 15 Prozent aller landwirtschaftlichen Exportgüter Israels an. 60 Prozent aller Kirschtomaten und Geranien, die Europa von Israel importierte, stammten vor dem Abzug aus Gush Katif.</p>
<p>Für das Trauma, dass die israelische Regierung den Siedlern zugefügt hat, hat Dikla Cohen kein Verständnis. „Für was?“, fragt sie immer wieder und gibt gleich selbst die Antwort: „Für nichts!“ Die aktuelle politische Lage gibt ihr Recht. Besonders im Gazastreifen hat sich der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern in den letzten fünf Jahren verschärft. Seit die radikal-islamische Hamas im Juni 2007 die Macht in Gaza übernahm, steht der Landstrich im Süden Israels unter Blockade. Der darauf folgende Raketenbeschuss aus Gaza veranlasste Israel schließlich dazu, im Dezember 2008 im Gazastreifen einzumarschieren. Mehr als 1.400 Menschen wurden nach palästinensischen Angaben während des 3-wöchigen Feldzugs getötet, über 5.000 weitere verwundet. Die Vereinten Nationen sprechen von 60.000 zerstörten Häusern, mit deren Wideraufbau wegen der von Israel verhängten Sanktionen nicht begonnen werden könne.</p>
<p>„Wir schämen uns dafür, dass uns das Land, für das wir unser Leben geben, ein Messer in den Rücken rammt.“ Zwar haben die Cohens eine staatliche Entschädigung erhalten. Die genaue Summe will Dikla Cohen nicht nennen. Sie sagt nur so viel: „Das ist ein Scherz.“ Nirgendwo in Israel könne sie sich dafür ein Haus bauen, das so war, wie das in Gush Katif. Im Gegensatz zu vielen anderen Familien haben die Cohens Glück. Dikla Cohen, die in Gush Katif als Hebräischlehrerin für neue Einwanderer arbeitete, hat mittlerweile eine neue Stelle als Kindergärtnerin gefunden. Ihr Mann, in Gush Katif der örtliche Rabbiner, arbeitet heute für die Konversionsbehörde in Tel Aviv und Jerusalem. Andere Familien seien dagegen nach wie vor arbeitslos, sagt Cohen. Während sie auf den Bau eines neuen Hauses warteten, würden sie das Geld, das sie von der Regierung als Entschädigung bekommen hätten, für den täglichen Bedarf verbrauchen.</p>
<p>Seit einem Monat, wissen die Cohens wo ihr neues Haus stehen wird. Sie haben den Standort, in einer der fünf neuen Siedlungen, die die Regierung in der Lachisch-Gegend derzeit baut, per Losverfahren gezogen. Die israelische Bürokratie sei schuld, dass sich der Baubeginn immer wieder verzögert habe, sagt Cohen. Hinzu kamen Einwände von Umweltverbänden, die die Natur in der Gegend durch den Neubau von Siedlungen gefährdet sahen. Mittlerweile sind die Hügel planiert, neue Verbindungsstraßen wurden gebaut, Leitungen verlegt. Dikla Cohen kann bald mit der Planung ihres neuen Hauses beginnen. In zwei Jahren, so vermutet sie, wird es bezugsfertig sein. Freuen kann sie sich darüber nicht. „Ich weiß, dass wir nach vorne blicken müssen“, sagt sie. „Aber in meinem Caravan konnte ich wenigstens noch davon träumen, dass wir eines Tages wieder zurückkehren nach Gush Katif.“</p>
<p><a href="http://www.zeit.de/politik/ausland/2010-08/gush-katif-gaza-israel">(Zeit Online, 19. August 2010)</a></p>
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		<title>Der Himmel über Jenin</title>
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		<pubDate>Sat, 07 Aug 2010 15:49:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Marlene</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Hoffnungsort Kino: Wie der deutsche Dokumentarfilmer Marcus Vetter im Westjordanland den Terror bekämpft.</p>
<div id="attachment_604" class="wp-caption aligncenter" style="width: 458px"><img class="size-full wp-image-604" title="Der Himmel über Jenin" src="http://www.mischwaldserver.de/randbemerkerin/wp-content/uploads/2010/08/IMG_6933.JPG" alt="Ein Kino soll Hoffnung bringen in Jenin" width="448" height="299" /><p class="wp-caption-text">Ein Kino soll Hoffnung bringen in Jenin</p></div>
<div>Die  schwere Eingangstür aus Metall ist das Tor zu einer anderen Welt.   Draußen gleißende Sonne, hupende Wagen, Müll und Staub. Drinnen ein   samtschwarzer Raum, gedämpfte Hammerschläge, konzentrierte   Geschäftigkeit. Wer in der Hauptstraße Jenins im Westjordanland über die   Schwelle hineingeht ins frisch renovierte Kino der Stadt, fühlt sich,   als beträte er das Holodeck auf der Enterprise.Niemand in Jenin  hatte gedacht, dass das alte Kino in der konfliktgeplagten Stadt wieder  eröffnen würde. Zu Beginn vermutlich nicht einmal Marcus Vetter selbst,  der Filmemacher, dessen Enthusiasmus alles ins Rollen brachte. Doch nun  ist es soweit. Nach mehr als 20 Jahren Agonie laufen auf der  Kinoleinwand wieder Filme. Mehr noch: Aus dem leer stehenden  Betonbunker, voller Schutt und Taubenmist, ist ein beachtlicher  Kulturbetrieb geworden, der Hoffnung weckt, wo lange Zeit nur Terror  war.</p>
<p><span id="more-603"></span>Marcus Vetter, der Dokumentarfilmer aus Deutschland, sitzt im  Gästehaus, nicht weit vom Kino. Jenin galt bislang nicht gerade als  Tourismusziel, sondern als Hochburg des bewaffneten Widerstands der  Palästinenser. Rund ein Drittel der Selbstmordattentäter kam während der  zweiten Intifada aus Jenin. Immer wieder rückten israelische Soldaten  in die Stadt vor, um nach Terroristen zu suchen – zuletzt 2002 mit einer  massiven Bodenoffensive. Bis heute gilt die Stadt als gefährlich.</div>
<div>
<p>Vetter will, dass die Leute nach Jenin kommen und sehen, dass sich hier  etwas verändert hat. Vor allem der palästinensische Ministerpräsident  Salam Fayyad habe durch seine Politik der Entwaffnung und der  Korruptionsbekämpfung zur Beruhigung der Lage beigetragen, sagt Vetter.  Das Kino soll zeigen: Aus Jenin kann auch etwas Gutes kommen, nicht  immer nur Tod und Terror. Überall in den Palästinensergebieten sind  Kulturinstitutionen mit ähnlichem Ziel entstanden – etwa die  palästinensische Zirkusschule, die Schauspielschule in Ramallah oder das  Freedom Theater in Jenin. Sie alle wollen den Kreislauf der Gewalt im  Nahen Osten durchbrechen und denen Würde und Stolz zurückgeben, die sich  als Unterdrückte sehen.</p>
<div id="attachment_605" class="wp-caption aligncenter" style="width: 458px"><img class="size-full wp-image-605" title="Durch das neue Kino soll Jenin zum Medienzentrum des Westjordanlandes werden" src="http://www.mischwaldserver.de/randbemerkerin/wp-content/uploads/2010/08/IMG_6945.JPG" alt="Durch das neue Kino soll Jenin zum Medienzentrum des Westjordanlandes werden" width="448" height="299" /><p class="wp-caption-text">Durch das neue Kino soll Jenin zum Medienzentrum des Westjordanlandes werden</p></div>
<p>Die Geschichte des Cinema Jenin begann  mit einer ungewöhnlichen Entscheidung: Als Ismael Khatibs 11-jähriger  Sohn Ahmed 2005 von israelischen Soldaten in Jenin erschossen wird, weil  er ein Spielzeuggewehr trägt, spendet der Palästinenser die Organe  seines Kindes an israelische Kinder und rettet damit Leben. Eine mutige  und menschliche Geste, die in Israel für Verwirrung sorgt. Vetter ist  davon so berührt, dass er beschließt, einen Dokumentarfilm zu drehen.  „Das Herz von Jenin“ wird 2010 unter anderem mit dem Deutschen Filmpreis  ausgezeichnet. Doch die vom Krieg zwischen Israelis und Palästinensern  schwer gezeichnete Stadt lässt Vetter nicht los. Die Arbeitslosigkeit in  Jenin ist hoch. Die Armut ebenfalls. Und Orte, die den Palästinensern  Zerstreuung bieten, gibt es kaum.</p>
<p>1987, mit Beginn der ersten  Intifada, wurde das Kino geschlossen. Doch bereits zuvor ging es mit der  Kultur in Jenin bergab. Vor der Schließung liefen im ehemals größten  Kino des Westjordanlands nur noch Pornofilme. Als dann während der  Intifada israelische Soldaten regelmäßig zum Kino kamen, um die jungen  Männer zu kontrollieren, war es mit den Vorstellungen endgültig vorbei.</p>
<p>„Es hat mich immer gestört, dass ich den Menschen, mit denen ich einen  Film gedreht habe, nichts zurückgeben konnte“, sagt Vetter heute. Ein  Dokumentarfilm könne zwar auf Leid und Ungerechtigkeit aufmerksam  machen. Aber die Energie eines Films allein verändere die realen  Verhältnissen nicht. Also fasste er – zusammen mit Ismael Kathib, dem  Vater des erschossenen Jungen – den Entschluss, das Filmtheater wieder  aufzubauen. Etwa fünfzig Freiwillige sind gekommen, um gegen Kost und  Logis beim Aufbau zu helfen. Die Deutschen sind Studenten oder ohnehin  auf Weltreise unterwegs. Die Palästinenser sind die Jungs aus der Stadt  und dem nahen Flüchtlingslager, die früher Steine auf die Israelis  warfen.</p>
<p>Fakhri Hamad, der als Dolmetscher der Filmcrew begann und  nun als palästinensischer Manager des Kinos arbeitet, ist sich sicher:  Das Kino, die fremden Gäste und die internationalen Filme werden die  Gesellschaft in Jenin öffnen. Filme aus aller Welt will er zeigen – auch  solche, die von Unterdrückung, Ungerechtigkeit und Unmut handeln und  neue Ideen und Wünsche wecken. Vor allem geht es um kreative,  gewaltfreie Wege des Widerstands gegen die israelische Besatzung. Denn  Kino ist Imagination, und wo die Menschen zu träumen beginnen, kann auch  etwas Neues entstehen.</p>
<p>„Die Kinder hier wissen gar nichts über  die Israelis“, sagt Hamad. Für die jüngere Generation existieren sie  ausschließlich als Soldaten. „Wenn unsere Jugendlichen aber andere,  linke Israelis kennenlernen, die ebenfalls gegen die Besatzungspolitik  sind, dann wird es sehr schwer für die palästinensischen Parteien  werden, sie davon zu überzeugen, ihre Freunde in Tel Aviv in die Luft zu  sprengen.“ Deshalb hoffen die Veranstalter besonders auf israelische  Gäste. Der Direktor der Tel Aviver Cinemathek, des dortigen  Programmkinos, hat sich bereits angesagt. Damit machen sich die  Veranstalter allerdings Feinde unter den Palästinensern. Das Kino  unterbreche den palästinensischen Boykott Israels, man kollaboriere mit  dem Feind, spiele der Normalisierung der Besatzung in die Hände, sagen  die Kritiker. Manager Hamad hat dafür nur ein Schulterzucken übrig.</p>
<p>Insgesamt 950 000 Euro Spendengeld hat Vetter gesammelt. Dazu modernste  Filmvorführmaschinen und Produktionstechnik. Das Auswärtige Amt  beteiligte sich großzügig. Roger Waters, Mitbegründer von Pink Floyd,  gab 150 000 Euro dazu. Je mehr Preise Vetters Film „Das Herz von Jenin“  gewann, desto mehr Geld kam zusammen. Über das Kino hinaus ist ein  Kulturbetrieb entstanden, der nicht nur in der Lage ist, 3D-Filme zu  zeigen, sondern in dem auch Filme produziert und synchronisiert werden  können.</p>
<p>„Das Kino soll sich selbst tragen, statt von Spenden zu  leben“, sagt Vetter und stapft über den Rasen im Hinterhof des Kinos, wo  weitere 700 Besucher Platz finden, um Filme im Freien zu sehen. Mit dem  günstigen Eintrittspreis von umgerechnet rund einem Euro ist das nicht  möglich. Teurer machen wollte Vetter das Kino dennoch nicht. Alle  Einwohner Jenins sollen sich das Kino und die dazugehörige Cafeteria  leisten können. Es soll ein Versammlungsort werden, gerade auch für  Frauen, für die es bislang in der Stadt keinen öffentlichen Ort gibt –  und er will Ausbildungsplätze für gelangweilte und frustrierte  Jugendliche schaffen. In einem Workshop haben palästinensische  Jugendliche und deutsche Freiwillige bereits einige Werbespots für das  Kino gedreht. Bald sollen Betriebe im Westjordanland Aufträge für die  Produktion von Werbefilmen vergeben, die dann vor dem jeweiligen  Hauptfilm laufen.</p>
<p>Und Ismael Kathib? Er sitzt im Büro des Kinder-  und Jugendzentrums, das er seit einigen Jahren mithilfe von  Spendengeldern aus Italien betreibt. „Durch das Kino habe ich das  Gefühl, dass mein Sohn noch am Leben ist“, sagt er. „Das Lachen von  Achmeds Freunden bei der Eröffnung wird mir zeigen, dass er durch das  Kino weiterlebt.“</p>
<p><a href="htthttp://www.tagesspiegel.de/kultur/der-himmel-ueber-jenin/1898008.htmlp://">(Tagesspiegel, 5. August 2010)</a></div>
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