Vor fünf Jahren räumten israelische Soldaten den Siedlungsblock Gush Katif im Gaza-Streifen. Viele der ehemaligen Bewohner warten immer noch auf ein neues Zuhause

Nicht in Gaza, dafür mit Panoramablick aufs Westjordanland: Hier soll Dikla Cohens neues Haus bald stehen. Die Siedlerin will lieber zurück nach Gush Katif.
Widerwillig blickt Dikla Cohen von der staubigen Straße aus auf die planierte Geröllfläche. Hier soll bald ihr neues Haus entstehen. 500 Quadratmeter auf zwei Etagen. Am Osthang eines Hügels, von dem aus man die Palästinensergebiete überblicken kann. In Mitten der bislang relativ unbewohnten Lachisch-Gegend in Israel. „Eigentlich will ich gar nicht mit dem Bau beginnen“, sagt Cohen missmutig. „Denn dann muss ich ein Kapitel schließen, mit dem ich noch gar nicht fertig bin.“
Das Kapitel heißt Gush Katif. Vor genau fünf Jahren, zwang die israelische Armee rund 8.800 jüdische Siedler, die bis dahin in 21 Siedlungen im Gazastreifen gelebt hatten, ihre Häuser zu verlassen. Dikla Cohen war eine von ihnen. Nach langer politischer Diskussion, über der sogar die damalige Regierungspartei Likud zerbrach, hatte das israelische Kabinett den so genannten „einseitigen Abzugsplan“ des damaligen Ministerpräsidenten Ariel Sharon gebilligt. Der Plan sah vor, alle israelischen Siedlungen im Gazastreifen und vier israelische Siedlungen im Westjordanland zu räumen. Einige Siedler gingen freiwillige. Dikla Cohen, ihr Ehemann und ihre neun Kinder weigerten sich. Soldaten mussten die Türe zu ihrem Haus eintreten und die 11-köpfige Familie ins Freie tragen. „Ich wollte nicht, dass mir meine Kinder eines Tages Vorwürfe machen, dass ich sie aus Gush Katif weggebracht habe“, erklärt Cohen. „Sie sollten mit eigenen Augen sehen, dass es israelische Soldaten waren, die uns vertrieben haben.“
Weiterlesen »
Früher kämpften sie mit Gewalt gegeneinander. Heute haben die Mitglieder der Israelisch-Palästinensischen Friedensinitiative Combatants for Peace die Waffen nieder gelegt. Mit ihrem „Theater der Unterdrückten“ spielen sie gegen die Israelische Besatzungspolitik an.

Der echte Soldat (re.) befiehlt dem falschen, das Militärhemd auszuziehen. Israelische Uniformen sind für Palästinenser verboten - auch im Theater. Foto: Kobi Wolf
Es dauert keine halbe Stunde, dann verliert der diensthabende Offizier die Nerven. „Schluss mit dem Theater“, brüllt er und stürzt mit wenigen, weit ausholenden Schritten auf die Schauspieler zu. „Zieh das Militärhemd aus“ befiehlt er barsch, das Gesicht bedrohlich nahe vor dem von Munir, der mit zitternden Händen beginnt, sein olivgrünes Oberteil aufzuknöpfen. Munir ist Palästinenser aus dem Westjordanland und Schauspieler in der Theatergruppe der Combatants for Peace – der Kämpfer für den Frieden. Der Offizier der israelischen Armee dagegen ist echt. Dass Munir eine israelische Uniform trägt, verstoße gegen das Gesetz, sagt der Offizier. Sein Wort zählt. Ein kurzer Tumult, ein hitziges Wortgefecht, dann dürfen die Schauspieler fortfahren – ohne Uniform. Doch wer in dem Stück Soldat, wer Palästinenser ist, das ist auch ohne die Militärhemden klar.
Weiterlesen »
Maya Wind hat den israelischen Militärdienst offiziell verweigert. Statt zwei Jahre zur Armee, ging die 20-jährige ins Gefängnis – aus Protest gegen die israelische Besatzung der Palästinensergebiete.

Militärdienstverweigererin Maya Wind mit Nasser Ghawi, einem Familienvater aus Sheikh Jarrah in Ostjerusalem
Im Sommer will Maya weg. Weg aus Israel und raus aus ihrem Leben. Denn in ihrem Heimatland ist sie für viele nur die Vaterlandsbetrügerin, das radikale Mädchen, das einen Schritt zu weit gegangen ist. Maya Wind hat den israelischen Militärdienst verweigert. Sie hat in aller Öffentlichkeit gesagt: Ich mache nicht mit. In einem Land, in dem die Verteidigung des eigenen Landes für alle jüdischen Jugendlichen obligatorisch ist und in dem der für Männer drei Jahre und für Frauen zwei Jahre dauernde Dienst an der Waffe als Eintrittskarte in die Gesellschaft gilt. In Israel, das seit mehr als sechzig Jahren in einem stetig schwelenden, bisweilen blutig aufbrechenden Kriegszustand mit den Palästinensern und seinen arabischen Nachbarn lebt. Sie hat verweigert, aus Protest gegen die israelische Besatzungspolitik.
Weiterlesen »